IETF: Das Internet Architecture Board bekommt neue Chefin

Die Berlinerin Mirja Kühlewind spricht vor ihrem Start als IAB-Chefin über wichtige Internet-Entwicklungen und gesellschaftliche Fragen der Standardisierung.

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Die für die Entwicklung wesentlicher Internetspezifikationen verantwortliche Internet Engineering Task Force (IETF) gibt sich eine weibliche Doppelspitze: Die deutsche Forscherin Mirja Kühlewind wird am morgigen Mittwochabend zur neuen Chefin des Peer-Gremiums Internet Architecture Board (IAB) ernannt. Die gebürtige Berlinerin, die zuletzt an der ETH Zürich forschte, tritt an die Seite von IETF-Chefin Alissa Cooper, Fellow des US-amerikanischen Hardware-Herstellers Cisco.

Kühlewind ist Expertin auf dem Gebiet Transportprotokolle. Im vergangenen Jahr wechselte sie nach Aachen ins Reseach Lab von Ericsson. Der schwedische Konzern ist eines von wenigen europäischen Unternehmen, das bei diversen Standardisierungen mit großem personellen und finanziellen Aufwand mitmischt.

heise online: Mirja, Du startest in einer schwierigen Situation als neue Chefin des Internet Architecture Board. Wie kann man sich die Standardisierung angesichts der Corona-Pandemie vorstellen?

Mirja Kühlewind: Im Moment ist die Organisation von virtuellen Meetings die größte Herausforderung. Das trifft auch auf die Internet Engineering Steering Group, in der ich schon länger Mitglied bin (die IESG leitet die IETF-Aktivitäten und die Standardisierungsprozesse, Anm. d. Red.). Seit gestern läuft das reguläre IETF-Treffen, dieses Mal vollständig über das Internet. Außerdem haben wir viele virtuelle Interim-Meetings, die wir über die kommenden Wochen verteilt haben.

Was ist die zentrale Aufgabe des IAB?

Mirja Kühlewind: Das IAB übernimmt administrative Aufgaben im Standardisierungsprozess. Es vertritt die Organisation in gewisser Weise auch nach außen. Außerdem beschäftigt es sich mit grundsätzlichen Fragen der Architektur des Netzes. Abseits der alltäglichen Standardisierungsarbeit können wir einen Schritt zurücktreten und die Effekte neuer Entwicklungen und die Gesamtarchitektur abschätzen. Wir schlagen dann auch generelle Richtlinien für die Standardisierung vor, zum Beispiel im Bereich Sicherheit.

In der aktuellen Situation stehen wir im IAB vor der Aufgabe, einen guten gemeinsamen Arbeitsmodus zu finden. Diesmal wechselt die Hälfte der Mitglieder. Das ist ungewöhnlich und weil die Mitglieder sich teilweise noch wenig kennen, ist der aktuelle Zwang zur Virtualität herausfordernd.

Ich bin aber zuversichtlich, dass sowohl die Standardisierungsarbeit als auch die Arbeit im IAB vielleicht mit kleinen Verzögerungen, sonst aber mehr oder weniger wie gewohnt weiterlaufen kann. Denn als internationales Gremium haben wir unsere Prozesse schon immer stark auf das Remote-Arbeiten ausgelegt.

Was kann in der Standardisierung kurz- und mittelfristig getan werden, um auf die aktuelle Entwicklung, etwa die große Nachfrage nach virtuellen Arbeitsmöglichkeiten zu reagieren? Gibt es Dinge, die beim bevorstehenden virtuellen Treffen schon angestoßen werden?

Mirja Kühlewind

(Bild: Monika Ermert)

Mirja Kühlewind: Beim aktuellen Meeting liegt der Fokus zunächst darauf, unsere geplante Arbeit möglichst reibungslos fortzusetzen. Wir haben das ursprünglich geplante Meeting kurzfristig absagen müssen und die Organisation der virtuellen Alternativen hat vor allem für die IESG und damit auch für mich bisher viel zusätzliche Zeit in Anspruch genommen. Ich denke, die Arbeit wie gewohnt voranzutreiben, ist das Beste, was wir machen können, um das Internet für die Zukunft weiter zu verbessern. Wir arbeiten an einigen Themen, die für die Zukunft des Netzes sehr wichtig sind. Am Donnerstag etwa wird das neue Realtime Internet Peering for Telephony diskutiert. RIPT will Protokolle, die heute für Video-Conferencing genutzt werden, modernisieren.

...und schneller und genügsamer machen?

Mirja Kühlewind: Eher sicherer und auch einfacher. RIPT könnte im Lauf der Zeit SIP ablösen, das insgesamt ein recht komplexes Protokoll ist. Für RIPT setzt man auf einen HTTP-basierten Ansatz.

Du moderierst seit einigen Jahren die Arbeit der Transport Area in der IETF. Was bringt die aktuelle Verlagerung des Verkehrs vom TCP-Protokoll auf andere, beispielsweise auf HTTP oder QUIC? Vor welchen Herausforderungen siehst Du die Standardisierung fürs Internet grundsätzlich in den kommenden Jahren?

Mirja Kühlewind: HTTP kann über beide Protokolle TCP und das neue QUIC-Protokoll genutzt werden. QUIC ist modern und auch speziell für die Nutzung mit HTTP optimiert. Das heißt, es gibt einige Funktionen in QUIC, die das Surfen oder andere HTTP-basierte Dienste schneller machen können. Aber viel wichtiger ist noch, dass bei QUIC die Verschlüsslung eingebaut ist, während das bei TCP immer eine Zusatzfunktion ist.

Dadurch wird QUIC, einfach gesagt, sicherer, weil man es ja gar nicht mehr ohne Verschlüsslung nutzen kann. Gleichzeitig bedeutet diese Verschlüsslung auch, dass das Netzmanagement für die Betreiber komplizierter werden kann. Dabei geht es nicht darum, dass der Betreiber Zugriff auf Nutzerdaten hat. Aber durch die umfangreichere Verschlüsselung stehen den Betreibern insgesamt weniger Information zur Verfügung, um zum Beispiel zu erkennen, wenn es mit einer Übertragung Probleme gibt. Die spannende Frage lautet derzeit für alle: Wie schnell wird sich QUIC nach der Fertigstellung der Spezifikation durchsetzen?

Wird QUIC dieses Jahr fertig? Oder kommt es Corona-verzögert später?

Mirja Kühlewind: Ich denke, die Absage des physischen Meetings spielt für die QUIC-Arbeitsgruppe keine allzu große Rolle. Man ist bis auf einige wenige "issues" fertig und daran wird jetzt eben kontinuierlich weitergearbeitet. Die großen Treffen bei den IETF-Meetings waren ohnehin stärker dazu da, der gesamten Community die Gelegenheit zu geben, die Entwicklung mitzuverfolgen und noch eigenes einzubringen. Das Ziel war eigentlich, im Sommer fertig zu werden. Es sieht aber schon eher nach Herbst aus oder sogar Anfang 2021. Natürlich sind viele jetzt durch die Krise gestresster und haben mehr Arbeit.

Muss sich die Standardisierung und die Ingenieurinnen und Ingenieure auch gesellschaftlichen und politischen Diskussionen stärker stellen und wie könnte das aussehen?

Mirja Kühlewind: Auch wenn wir in der IETF meist versuchen, uns auf inhaltliche und technische Fragen zu fokussieren, weil wir dort unsere Kompetenzen haben, spielen gesellschaftliche und politische Fragen in der Diskussion oft schon jetzt eine Rolle. Ich denke schon, dass es für die IETF und die Arbeit in der IETF wichtig ist, offen zu sein und möglichst viel Input von verschieden Akteuren in Betracht zu ziehen.

Es ist allerdings manchmal gar nicht so einfach, eine gemeinsame Sprache zu finden. Hier sehe ich eine besondere Aufgabe für das IAB. Wir arbeiten in der Kommunikation nach außen unter anderem mit der Internet Society zusammen, die letztlich ein Bindeglied zur Politik darstellt. Eine andere wichtige Rolle spielt aus meiner Sicht die Internet Research Task Force. Diese gibt Forschern die Möglichkeit, mit der IETF in Kontakt zu treten. Das können auch Forscher anderer Disziplinen sein. Ein Beispiel für einen solchen Austausch bietet die Human Rights Protocol Considerations Research Group, die diskutiert, wie sich Standards auf Grundrechte auswirken.

Es ist und bleibt eine große Aufgabe, die Waage zwischen der technischen Entwicklung und den innovativen Ideen auf der einen und den Anforderungen Dritter, inklusive Regierungen, auf der anderen Seite zu finden. Daran müssen wir weiter arbeiten, und wir müssen möglicherweise auch in Einzelfällen gesonderte Debatten zu neuen Protokollen führen.

Wie stark beeinträchtigt der Zwang zu rein virtuellen Treffen die Arbeit der Standardisierung und braucht die IETF möglicherweise selbst einen Rettungsschirm?

Mirja Kühlewind: Nein, die IETF braucht keinen Rettungsschirm. Natürlich hat die kurzfristige Absage eines Meetings finanzielle Folgen. Ich muss sagen, ich habe selbst noch keinen direkten Einblick. Denn darum kümmert sich beim IETF das LLC-Board. Nach meinem Verständnis sieht es aber so aus, dass die vorhandenen Rücklagen ausreichen. Die IETF wird ja durch Sponsoren und die ISOC finanziert (Internet Society, Anm. d. Red.).

Wie sich die Situation auf die Arbeit genau auswirken wird, kann man jetzt noch nicht sagen, aber ich bin sehr zuversichtlich, dass wir im Großen und Ganzen kontinuierlich weiterarbeiten können. Aus Gesprächen mit Kollegen und anhand eigener Erfahrung wage ich auch zu sagen, dass die IETF in einer besseren Position ist als viele andere Standardisierungsorganisationen, weil wir ohnehin schon so viel online und über Mailing-Listen kooperieren. Natürlich sind virtuelle Meetings mit Entwicklern aus allen Zeitzonen nicht ohne, und uns steht eine anstrengende Zeit bevor.

Wie sieht Deine Arbeitswoche bis Samstag aus?

Mirja Kühlewind: Tägliche Calls, Vorbereitung eines BoF-Meetings, an dem ich selbst mitarbeite sowie interne Meetings bei Ericsson. Jeden Abend zwischen 21:00 und 1:00 Uhr Mitteleuropäischer Zeit die Treffen der aktuellen IETF 107. Also ingesamt sehr viele Online-Meetings, noch mehr als schon die letzten zwei Wochen. Ich freue mich schon auf nächste Woche, wenn ich hoffentlich auch mal wieder etwas Zeit habe, an konkreten inhaltlichen Themen weiterzuarbeiten.

Welche Entwicklung in der IETF ist für dich derzeit am spannendsten?

Mirja Kühlewind: Die Entwicklung rund um QUIC ist sehr spannend. Ich erwarte, dass darauf viele neue Initiativen aufbauen werden. Die vielen Arbeiten für bessere Sicherheitsstandards sind wichtig, aber durchaus auch der Erfolg des Webprotokolls, HTTP/3, das als modernes und von vielen genutztes Protokoll mehr und mehr zur Grundlage für neue Anwendungen wird. (dz)