IETF diskutiert Netz-Standards gegen Zensur

Beim IETF-Treffen in Vancouver diskutierten die Teilnehmer einen möglichen neuen Standard für zensurresistente Microblogging-Dienste. Ein Forschungsarm der IETF soll nun die Möglichkeiten dafür ausloten.

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Von
  • Monika Ermert

Der niederländische Wissenschaftler und Entwickler der P2P-Plattform Tribler, Johan Pouwelse, wirbt bei der Internet Engineering Task Force (IETF) für Standards, die Microblogging zensurresistent machen sollen. Mit Adhoc-Netzen, alternativ auch mal als Netz von Mobilgeräten und ohne direkten Internetzugang, soll das Abschalten von Kommunikation verhindert, beziehungsweise neue, zensurfreie Kanäle eröffnet werden. Beim IETF-Treffen in Vancouver stellte Pouwelse diese Ideen im Rahmen eines so genannten Birds of Feather (BoF) zur Diskussion.

Pouwelses Konzept umfasst einen alternativen Microblogging-Standard für Smartphones, Internet-freie Kommunikation per Ad-Hoc Netz, ein konspirativer „Friends only"-Microblogging-Kanal und die Abwehr von Spam und Infiltration der abgesicherten Kanäle. Voraussetzung hierfür seien Anonymität, umfassende Verschlüsselung, aber auch Reputation.

Erklärtes Ziel ist die Abwehr von allerlei Angriffen – nicht nur von autoritären Regierungen. Auch Attacken von privaten Microblogging-Anbietern und von Arbeitgebern erteilte Maulkörbe hat Pouwelse im Auge. Angriffe, die es zu bekämpfen gilt, seien insbesondere Cyberspionage, digitale Abhöraktionen, Infiltration, Betrug, das Internet Killswitch, aber eben auch „Anwalts-Attacken"

Ein bisschen viele Baustellen auf einmal, befanden viele Teilnehmer bei der IETF und drängen nun zunächst darauf, die verschiedenen Komponenten systematisch zu beschreiben und vor allem den Protokollanteil klarzustellen. Denn nur da sieht man sich als Standardisierungsorganisation kompetent. "Sehr interessiert" und durchaus "konstruktiv", nannte der für den Bereich Transport zuständige Area Director, Martin Stiemerling von den NEC Laboratories Europe, die erste Debatte.

Bevor eine IETF-Arbeitsgruppe sich an die Standardisierung von Protokollen macht, soll nun möglicherweise der Forschungsarm der IETF, die Internet Research Task Force (IRTF), das Terrain ausloten. Pouwelse selbst verwies auf zahlreiche IETF-Standards, die zur Anwendung kommen können, etwa der MANET-Standard für mobile Adhoc-Netze.

Die IETF sollte auf jeden Fall an einem "Sack von Technicken für verdeckte, sichere und anonyme oder semi-anonyme Kommunikation" arbeiten,sagte Randy Bush von der Internet Initiative Japan, Autor zahlreicher IETF Standards. Das sei auf jeden Fall wichtiger als die immer wieder in die IETF getragenen Vorschläge zur Standardisierung von Abhörmechanismen. Ein Vorschlag aus dieser Woche hat die alte Debatte um die IETF-Politik zu Abhörstandards wieder aufflammen lassen, für die sich die IETF eigens den RFC 2804 gegeben hat.

Zensurmassnahmen und der Widerstand der Bürger von "Netistan" waren auch Gegenstand einer Keynote von Googles Chief Technology Officer, Michael Jones, am Rande der IETF-Woche. Jones sagte, es sei erstaunlich, wie wenig sich "Netistan" seiner Macht bewusst sei, immerhin sei es das größte Land der Welt.

Jones, Mitentwickler von Google Earth, nannte Länder wie Australien, Frankreich und –auf Nachfrage – auch die USA "Netistan-Mitglieder auf Bewährung", wegen der fortgesetzen Versuche, Sperren und Filter zu etablieren. Was Netistan neben einer etwas selbstbewussteren Bürgerschaft im Vergleich zu realen Ländern fehle, seien die offiziellen Ansprechpartner, eine offizielle Stimme.

Wer das sein solle, darauf hatte Jones keine Antwort. Ganz so brav war Netistan dabei in den vergangenen Monaten gar nicht, bei den Anti-PIPA-, Anti-SOPA-Protesten hat ein Teil von Netistan wohl doch schon mal die Muskeln spielen lassen. (boi)