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IFA vor 40 Jahren: Der Start des Farbfernsehens in Westdeutschland

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Mit einem symbolischen Druck auf einen roten Knopf startete der damalige Vizekanzler und Außenminister Willy Brandt das Farbfernsehen auf der IFA um 10:57 am 25. August 1967. Ganze 5800 Geräte zeigten am selben Abend den "Goldenen Schuss" mit Vico Torriani in Farbe.

Willy Brandt, damals Außenminister und Vizekanzler der großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger, gibt den offiziellen Startschuss für das Farbfernsehen in Westdeutschland [Bild: IFA]

Verfrüht und gleichzeitig verspätet gestartet, dieses Kunststück brachte das deutsche Fernsehen vor 40 Jahren zustande. Zu früh: Weil Willy Brandt in seiner 20 Minuten langen Rede mehrfach die Hand über den symbolisch angebrachten roten Knopf hielt, schaltete ein nervöser Techniker die Übertragung des Farbsignals frei, ehe der Knopf gedrückt wurde. Zu spät: Im Vergleich zum Fernsehvorbild USA war Westdeutschland rückständig – auf der anderen Seite des Teiches gab es Farbfernsehen nach dem Standard NTSC bereits seit 1954.

Langwierige Patentverhandlungen hatten dazu geführt, dass das deutsche PAL- ebenso wie das französische SECAM-System erst 1967 gestartet werden konnten. Auch nach dem offiziellen Start auf der IFA gab es harte Verhandlungen über die französischen Patentrechte am Farbfernsehen. Erst als sich sämtliche deutschen Gerätehersteller im November 1967 verpflichteten, die französischen Rechte anzuerkennen und nicht anzugreifen, konnten PAL-Fernseher in größerer Stückzahl produziert werden. Dem Gerangel auf der technischen Ebene entsprach ein Gerangel in der Politik, weil Frankreich dafür sorgte, dass die Sowjetunion und mit ihr alle Ostblockstaaten das SECAM-System adoptierte.

Der deutsche Nachrichtentechniker Walter Bruch entwickelte das PAL-System in den hannoverschen Labors von Telefunken. Bruch hatte amerikanische Geräte nach dem NTSC-Verfahren wie französische Geräte nach dem von Henri de France entwickelten SECAM-Verfahren zu Vergleichszwecken im Labor. Er beschäftigte sich mit einem Problem bei NTSC (von Witzbolden "Never The Same Color" getauft), dass ein über weite Strecken gefunktes Farbbild mit Farbtonverzerrungen beim Empfänger ankam. Zur Korrektur des Fehlers hatten amerikanische Ingenieure der Firmen Hazeltine und RCA im Jahre 1951 ein Verfahren entwickelt, das sie "Oscillating Color Sequence" oder "Color Phase Alternation" nannten und patentieren ließen. Im Kern ging es darum, die Farbverschiebung durch eine Phasenumkehr auszugleichen. Bernard Loughlin, der technische Leiter von Hazeltine, ließ das Verfahren patentieren. Die entsprechende Elektronik war den amerikanischen Herstellern aber schlicht zu teuer, sie entschieden sich für einen Drehregler, mit dem der Zuschauer den Farbton einstellen konnte.

Unter der Patent-Nummer 928474 ließ Loughlin das Verfahren 1952 auch beim deutschen Patentamt schützen – in der Erwartung, dass Westeuropa NTSC übernehmen werde. 1960 lief jedoch dieses Patent aus, weil Hazeltine keine Gebühren mehr gezahlt hatte. Als Telefunken ein Jahr später das Verfahren der elektronischen Mischung von entgegengesetzten Farbfehlern von Walter Bruch zum Patent anmelden wollte, scheiterte die Firma. Das Patentamt in München lehnte den Antrag unter Verweis auf das ausgelaufene Loughlin-Patent ab. Erfolgreicher als Bruch war Gérard Melchior, ein Mitarbeiter der Compagnie Française de Télévision (CFT). Er konnte unter der Patent-Nummer 889835 eine französische PAL-Version im März 1962 anmelden. Allerdings entschied sich seine Firma, die das Farbfernsehen in Frankreich entwickelte, für das SECAM-Verfahren seines Arbeitskollegen Henri de France.

Beim SECAM-System hatte sich Walter Bruch indes die Besonderheit der PAL-Technik abgeschaut, dass jede Bildzeile so lange im Empfänger gespeichert blieb, bis die nächste Bildzeile empfangen war. Auf diese Weise konnten zwei Bildzeilen elektronisch gemischt werden. Die Speichertechnik nutzte Bruch bei seinem PAL-System, um die Fehlfarben durch Mischung zu korrigieren. Er unternahm wiederholte Anläufe, seine Erfindung patentieren zu lassen. Schließlich wurde das deutsche System doch unter der Nummer 1252731 als "Farbfernsehempfänger für ein farbgetreues NTSC-System" (PDF-Datei) patentiert.

Anders als bei den früheren Patentanmeldungen durch Bruch und Telefunken erhob die Interessensgemeinschaft für Rundfunkschutzrechte (IGR) diesmal keinen Einspruch. Der Interessensverband der Fernsehhersteller erkannte nämlich, dass ein Patt zwischen dem deutschen und französischem Patent vorlag, das man ausnutzen konnte, um die Patentgebühren möglichst niedrig zu halten. Um überhaupt Gebühren nach diesem Patt kassieren zu können, schlossen CFT und Telefunken im Jahr 1968 einen Nichtangriffspakt und konnten dann ab Januar 1969 die TV-Hersteller zur Kasse bitten, allerdings nur im Promille-, nicht im Prozentbereich: Pro PAL-Gerät waren ca. 2,50 DM an die französische CFT und 5,00 DM an Telefunken zu zahlen.

Die Farbfernseher kosteten damals zwischen 2400 und 4000 DM. Rund 50 DM pro Gerät mussten an verschiedene Patentinhaber gezahlt werden. Die Gerätepreise, aber auch die wenigen Farbsendungen im Fernsehen trugen dazu bei, dass sich das Farbfernsehen in Deutschland nur zögerlich entwickelte. Wie in der Geschichte der Massenmedien häufig zu verfolgen ist, brachten Sportereignisse die Wende im Kaufverhalten der Konsumenten: Erst mit den olympischen Spielen von München 1972 und vor allem mit der Fußball-Weltmeisterschaft von 1974 schaffte der Farbfernseher in Westdeutschland den Durchbruch. In der DDR wurde das SECAM-Farbfernsehen übrigens zusammen mit dem Berliner Fernsehturm am 3. Oktober 1969 den Werktätigen übergeben, passend zur 20-Jahresfeier der Republik. (Detlef Borchers) / (jk)

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