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IPv6 für infrastrukturschwache Länder

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Seit vergangener Woche können Forscher in Usbekistan IPv6-Verbindungen zu Europas Universitäts-Hochgeschwindigkeitsnetz Géant austesten. Die unter anderem im Bereich Wehrforschung tätige Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft (IABG) hat dafür DVB-S (Digital Video Broadcasting - Satellite) für die neuen Adressen angepasst. Über einen IPv6-Satelliten-Uplink in Hamburg kann Usbekistan nun über IPv6 mit Géant kommunizieren. Das berichtete Wolfgang Fritsche von der IABG auf dem IPv6 Summit in Bonn. Auch die übrigen Partner des so genannten SILK-Projektes, mit dem die Bildungseinrichtungen im südlichen Kaukasus und Zentralasien an Géant hängen, sollen für den Test noch ins Boot geholt werden.

Silk verbindet die insgesamt acht infrastrukturschwachen Länder über Satellit mit Europas Vorzeige-IP-Forschungsnetz. IPv6-fähig ist bei der Satellitenverbindung allerdings nur der Rückkanal (SDSC) und nicht der Forward Link mit DVB-S. Experimentiert haben IABG und die European Space Agency (ESA) bei der IPv6-Nachrüstung nun anstelle von Tunnels mit einer neuen Art Kapselung, die derzeit unter dem Label Ultralightweight Encapsulating (ULE) im Rahmen der Internet Engineering Task Force (IETF) standardisiert werden soll. Schon jetzt gibt es laut Fritsche Karten, die in Verbindung mit einem Linux-PC einen Satellitenempfänger relativ kostengünstig IPv6-fähig machen.

Parallel zu der ULE-Variante läuft mit EU-Mitteln auch ein Pilot mit getunneltem IPv6. Dafür gibt es laut Fritsche auch schon erste kommerzielle Kunden am IABG-Teleport. IPv6 ist aus seiner Sicht für die SILK-Länder nicht zuletzt deshalb von Vorteil, weil sie bislang noch kaum Adressansprüche gestellt und daher künftig noch einen erheblichen Bedarf haben dürften.

Die Anpassung von IPv6 and DVB-S war nur eine aus einer ganzen Reihe von Weiterentwicklungen für den neuen Typ von IP-Adressen, die an den zwei Konferenztagen in Bonn vorgestellt wurde. Die Variante für VoIP darf angesichts des aktuellen Hypes für die Netztelefonie selbstverständlich nicht fehlen. Eckart Körner, Professor an der Fachhochschule in Mannheim berichtete von einem erfolgreichen Feldversuch auf dem Kampus der Fachhochschule über einen SER-Router. Noch sei diese Anwendung akademische Kür und vor allem in gemischten IPv4/IPv6-Umgebungen schwierig. Kommerzielle Produkte mit IPv6-Unterstützung gibt es dagegen noch kaum. Immerhin: Das erste IPv6-fähige SIP-Telefon hat gerade FreeBIT angekündigt. Die Firma wird im Auftrag von Wohnheimbetreiber Kyoritsu 300 Studentenwohnheime mit insgesamt 20.000 IPv6-Sipphones ausstatten. "SIP und VoIP bedingen sich nicht gegenseitig, um erfolgreich zu sein," sagte Körner. Allerdings kann SIP als klassische P2P-Technologie schon ein Zugpferd darstellen.

Für die IP-basierten Multimedia Services unter 3GPP wird IPv6 der Standard sein, sagte in diesem Zusammenhang auch Heiner Stüttgen von den NEC Network Laboratories in Heidelberg. Über das auf GPRS-Netze aufgesetzte "IP Multimedia Subnetz" sollen die gebeutelten UMTS-Betreiber ihre Haupteinkünfte erzielen. IMS bereitet den Boden für die Verschiebung des Gewichtes von der Sprach- zur Datenkommunikation und langfristig ein komplett auf IP-basierendes Gesamtnetz vor. Für den mobilen IP-Datenverkehr ist man auf die Qualitätsvorteile von IPv6 und den gerade von der IETF verabschiedeten neuen Standard für Mobile IPv6 angewiesen. Auch braucht man großzügige Adressräume. "Der Einsatz von NAT kompliziert den Netzbetrieb erheblich," sagte Stüttgen, da er den Ende-zu-Ende-Datenverkehr durch die Umsetzung von private auf öffentliche IP-Adressen bei Network Address Translation unterbindet. In Bonn kündigte Stüttgen auch einen Feldversuch für DHCPv6 gemeinsam mit der Universität Münster an, einer der ersten deutschen IPv6-Schmieden. Mit der IPv6-Variante des Protokolls zur automatischen Einbuchung in ein drahtloses Netz könnte deutlich leichter mit großen Firmennetzen hantiert werden. Bislang mussten DHCP-Netze für IPv6 manuell konfiguriert werden.

Auch die Autobauer wiesen in Bonn einmal mehr auf ihre möglichen Adresswünsche hin. Angesichts eines Fahrzeugbestands von 700 Millionen Autos und einer Neuproduktion von 60 Millionen Stück im Jahr sowie wachsender Nachfrage in Asien erkunden Unternehmen wie DaimlerChrysler bereits seit Jahren die Möglichkeiten des neuen Adresstyps. Prototypen "rollender Netze" mit eigenem Mobilrouter haben sowohl Daimler als auch Renault bereits vorgestellt. Für die Zukunft, so Tim Leinmüller von DaimlerChrysler Telematics Research, denkt man nun über Szenarien nach, wie die beweglichen Netze sich ad-hoc kurzschließen können. Wer ganz weit in die Zukunft blicken mag, darf sich schon mal Straßenkreuzer vorstellen, die sich gegenseitig ermahnen, nicht zu dicht aufzufahren.

Für Grundlagen, Spezifikationen und weitere Berichte zu IPv6 siehe:

(Monika Ermert) / (anw)