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ISS-Nachfolger: Raumfahrt wünscht sich Werkstatt statt Wissenschaft

Die Raumfahrtbranche wünscht sich eine Logistikbasis als Nachfolger der ISS. Dort könnten verschiedene Vehikel versorgt und sogar zusammengesetzt werden. Die Wissenschaft müsste anderswo Platz finden.

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Die ISS hat ein Ablaufdatum.

(Bild: NASA)

Der Fortbestand der Internationalen Raumstation (ISS) scheint derzeit bis 2024 gesichert, aber vielleicht gibt es die ISS nur bis 2020. Was danach geschieht, ist offen. Die private Raumfahrtindustrie wünscht sich, dass die öffentliche Hand mindestens eine neue Station errichtet, die aber nicht mehr der Wissenschaft dienen soll. Es soll vielmehr eine Logistikbasis für Raumfahrt aller Art werden. Das wurde auf der Konferenz Space Access 2016 vergangenes Wochenende in Phoenix deutlich.

Diskussionsrunde auf der Space Access 2016: Henry Spencer, John Schilling, Dave Salt, Jordin Kare

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

"Es könnte als Treibstoffdepot für Regierungsfahrzeuge beginnen, das seine Dienste dann auch dem privaten Markt anbietet", meinte John Schilling, Experte für Antriebssysteme, in einer Podiumsdiskussion auf der Space Access. Neben Treibstoffversorgung wären dann auch Ersatzteile und Reparaturen Teil des Angebots. Später würde überhaupt die Endfertigung von Raumfahrzeugen im Orbit erfolgen.

Der Kanadier Henry Spencer erinnerte sich an eine ältere Studie, die gezeigt habe, dass der Zusammenbau von Satelliten im Orbit "für die Kostensenkung Wunder vollbringen würde." Der US-Physiker Jordin Kare sah das ähnlich: "Es hat sehr viel mehr Sinn, kleine Startfahrzeuge oft einzusetzen, als ein großes für wenige Flüge zu bauen." Mehrere Starts kleinerer Fahrzeuge von der Erde würden die Teile in einen erdnahen Orbit befördern, wo sie dann zu größeren Gebilden zusammengesetzt würden.

Die Idee einer Werkstatt oder Manufaktur im Orbit ist nicht neu. Die ISS sollte ursprünglich Labor, Beobachtungsstation und Fabrik in Einem werden. Sie sollte Transportleistungen erbringen, Reparaturen machen und Ausgangsbasis für Flüge zu Asteroiden, Mond und Mars sein. Tatsächlich beschäftigt sich die ISS-Besatzung hauptsächlich mit Wartung und Reparaturen, allerdings bloß an der ISS und ihrer Ausrüstung selbst. Auf die wissenschaftliche Forschung entfällt ein kleinerer Teil der Arbeitszeit.

Wernher von Braun war SS-Sturmbannführer und entwickelte zunächst Raketenwaffen für die Wehrmacht, dann Trägerraketen für die NASA.

(Bild: NASA)

Andere Raumfahrzeuge wie zum Beispiel Satelliten kommen nicht vorbei, um aufzutanken oder repariert zu werden. Sie sind dafür auch nicht gebaut. Schilling erkennt ein Henne-und-Ei-Problem: Es gibt keinen Markt für Logistikleistungen im Orbit, weil es die Logistikbasis nicht gibt. Und die Basis gibt es nicht, weil es keine Nachfrage gibt. "Jemand muss den ersten Schritt tun", sagte er im Interview mit heise online, "Darin sind Regierungen gut."

Schon lange vor der ISS plädierte der deutsche Raketeningenieur Wernher von Braun dafür, mit kleinen Raketen in den Erdorbit zu fliegen, und erst von dort Richtung Mond und Mars aufzubrechen. "Aber weil wir [im Wettrennen mit der Sowjetunion] in solcher Eile waren, haben wir schwere Raketen gebaut", erinnerte sich Schilling.

Die russische Raumfahrtagentur Roskosmos möchte die russischen Module der ISS für eine neue Raumstation namens OPSEK nutzen. Auf der OPSEK sollen größere Raumfahrzeuge für Reisen zum Mars, zum Mond und eventuell zu anderen Planeten zusammengebaut werden. Dazu kämen Teststarts und -flüge, eine Art Quarantäne- und Erholungsstation für Mannschaften, die von weiten Raumreisen zur Erde zurückkehren, sowie Dienstleistungen rund um Transporte zwischen verschiedenen Erdorbits.

Ein Jahr auf der ISS (15 Bilder)

Eine Blume in der Schwerelosigkeit
(Bild: NASA)

Bei Letzterem ginge es insbesondere um Flüge zwischen dem erdnahen Orbit (LEO) der Station selbst und dem weiter entfernten geostationären Orbit (GEO). Hier sieht auch Schilling das größte Marktpotenzial: "Die erdnahen Satelliten alleine würden einer Logistikbasis wohl nicht genügend einbringen, aber erdnahe und geostationäre Satelliten zusammen schon."

Sie würden in kleineren Teilen von der Erde zur neuen Werkstatt im Orbit geschossen, dort zusammengesetzt, überprüft, aufgetankt, und dann langsam in ihre Bahn gehoben. Für diese Reise reichte Sonnenkraft. Eine solche Vorgehensweise würde den Satelliten deutlich längere Lebensdauern bescheren. In einem weiteren Schritt könnten sie für Service und Auftanken auch zurück zur Raumstation geholt und dann wieder auf ihre Umlaufbahn zurückgeschickt werden.

Wenn einmal eine Logistikbasis in einem erdnahen Orbit etabliert ist, kann sich Schilling weitere bewohnte Basen vorstellen. Etwa an den Lagrange-Punkten, wo sich die Anziehungskräfte von Erde und Mond neutralisieren, bei Mond oder Mars in niedrigen Umlaufbahnen zur Bergbau-Unterstützung, oder auf Marsmonden, um die Rückreise von Marsbesuchern zu erleichtern.

John Schilling beim Gespräch mit heise online

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

Doch was passiert mit der wissenschaftlichen Arbeit, die derzeit auf der ISS geleistet wird? "Man kann nicht Werkstatt und Wissenschaft in einem machen. Die Schwerindustrie-Logistik, der rege Verkehr, und viele Vibrationen würde die Forschungsergebnisse beeinträchtigen", meinte Schilling, "Die Wissenschaft [auf der ISS] ist derzeit Schönfärberei für das nationale Prestige. Wenn die Leute das mit der Wissenschaft ernst meinen, würden sie eine zweite Raumstation bauen, die dann billiger zu betreiben wäre, weil sie von der ersten Raumstation aus versorgt würde. Oder man nimmt ein kleineres Fahrzeug, das sich löst, und regelmäßig zur Raumstation zurückkehrt."

Keine ausgemachte Sache ist, dass es überhaupt einen ISS-Nachfolger geben wird. Doch Schilling ist optimistisch: "Niemand will die Menschen-Präsenz im All aufgeben. Hohe Kreise wollen immer einen Amerikaner im All haben." Die neue Station würde auch von den USA ausgehen, glaubt Schilling: "Es müsste fast die US-Regierung sein, die diese Entscheidung trifft. Sie sind die Einzigen, die es bewerkstelligen können, ohne sich zeitintensiv mit Anderen beraten zu müssen."

Bilder des deutschen Astronauten Alexander Gerst aus der ISS (20 Bilder)

Die Kuppel war einer der liebsten Aufenthaltsorte Gersts.
(Bild: ESA/NASA)

(ds)