IT-Arbeitsmarkt: Krise ist bei den anderen

Der gesamte Arbeitsmarkt steckt in der Corona-Krise. Der gesamte Arbeitsmarkt? Nein! Eine Berufsgruppe scheint resistent.

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(Bild: photoviriya/Shutterstock.com)

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Trotz millionenfacher Kurzarbeit und angedrohter Entlassungen suchen Unternehmen Mitarbeiter. Im März hatte die Bundesagentur für Arbeit 626.000 offene Stellen im Bestand und im April kamen 76.000 neue dazu, so dass sich zum Ende des Monats die offenen Stellen auf 702.000 summierten. Davon richten sich etwa 17.000 an Informatiker und andere IT-Berufe, zeigt eine Auswertung, die von der Arbeitsagentur exklusiv für heise online erstellt wurde. Das scheint nicht viel, wenn man aber die bekannte Regel anwendet, dass Unternehmen nur etwa jede dritte offene Stelle bei der Behörde melden, werden daraus 51.000 offene Stellen für IT-Spezialisten. Die werden selbst in der tiefsten Krise händeringend gesucht.

heise jobs – der IT-Stellenmarkt

Zu Arbeitsplätzen und Stellenangeboten in der IT-Branche siehe auch den Stellenmarkt auf heise online:

Die Direktbank ING hat aufgrund ihres Geschäftsmodells einen großen Bedarf an IT-Experten, weil alle Bankgeschäfte online erledigt werden. Filialen gibt es keine, die Deutschlandzentrale des niederländischen Finanzkonzerns ist in Frankfurt am Main. Von den etwa 4.000 Beschäftigten in Deutschland und Österreich arbeiten rund 700 in der IT. Dazu kommen Zeitarbeiter in volatiler Anzahl. "Aktuell haben wir zwischen 80 und 100 offene IT-Stellen", sagt Stefan Döppes, der bei der ING Deutschland für das IT-Recruiting zuständig ist. Das sind vakante Positionen aufgrund natürlicher Fluktuation und neue Stellen. "Wir bauen externes Personal ab und internes auf." Weil die Bank in der IT fast alles selbst macht, wird das gesamte Spektrum an IT-Skills gebraucht.

Der Arbeitsmarkt für IT-Spezialisten ist nicht mehr wie vor der Krise, stellt Döppes fest. "Die Wechselbereitschaft ist eingeschränkt, weil manche das Risiko meiden wollen, einen festen Arbeitsplatz aufzugeben und dafür eine Probezeit einzugehen." Andere sorgen sich um ihren Arbeitsplatz bei ihrem Arbeitgeber und schauen sich am Markt um. Ankündigungen von Entlassungen sind kein gutes Argument für Loyalität zur Firma. Die Anzahl an Bewerbungen von IT-Freiberuflern ist massiv gestiegen. Weil den Freelancern Aufträge wegbrechen, suchen sie berufliche Sicherheit in einer Festanstellung.

Insgesamt hat sich die Anzahl der Bewerbungen in der Bank im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten nicht verändert. Die Quellen aus den die Bewerbungen sprudeln schon, wie auch die Motivation der Bewerbungen. Einen Einfluss auf die Gehaltsforderungen hat das alles nicht: Die sind nach wie vor hoch. Gebraucht werden hat seinen Preis.

Das spürt auch der Autozulieferer Brose. "IT-Experten kennen ihren Wert", sagt Sarah Brändlein, Leiterin Personalbeschaffung der Brose Gruppe. Die wirtschaftlich schwierige Zeit hat keinen Einfluss auf die Höhe der Gehaltsforderungen, zumal sich an der Situation dieser Berufsgruppe nichts geändert hat. Brose hat weltweit etwa 26.000 Mitarbeiter, davon in Deutschland rund 8.400. Groß geworden ist die Firma mit Fensterhebern. Heute entwickelt und fertigt sie mechatronische Systeme für Türen und Sitze sowie Elektromotoren und Antriebe im Auto.

"In der IT und Elektronik wollen wir Kompetenzen aufbauen, um unser Produktportfolio für die mobile Zukunft zu erweitern", sagt Brändlein. Brose arbeitet an vernetzten Funktionen wie Radarsystemen, die gestengesteuert Autotüren öffnen und den Innenraum überwachen. Dafür sucht das Unternehmen für seinen Standort Bamberg Software-Entwickler. In der klassischen IT treibt die Firma die Digitalisierung zur Verbesserung von Prozessen weiter voran und braucht dafür etwa SAP Consultants.

Auch jetzt in der Krise sucht Brose intensiv nach IT- und Elektronik-Spezialisten. Andere vakante Positionen werden über den internen Stellenmarkt besetzt oder Mitarbeiter dafür qualifiziert. Etwa 50 offene Stellen für IT- und Elektronik-Jobs hat das Unternehmen aktuell. "Die Krise hat keinen Einfluss auf unsere Bewerbungseingänge", sagt Brändlein. Die waren im März und April so hoch wie in anderen Monaten vor Corona. "Entscheidungen über Einstellungen haben wir vertagt, bis wir die Bewerber persönlich kennenlernen können und sie uns", sagt Brändlein. Das ist jetzt mit Lockerungen der Corona-Regeln in Bayern unter Einhaltung besonderer Vorsichtsmaßnahmen möglich.

Dort hat in München die auf IT-Experten spezialisiert Personalberatung Vesterling ihren Sitz. Etwa 200.000 Kandidaten hat sie in ihrer Datenbank, die allermeisten davon sind Informatiker. Rund 2.000 Unternehmen sind Kunden. In deren Auftrag sucht der Dienstleister IT-Spezialisten und für wechselbereite IT-Experten andere Arbeitgeber. "Wir haben alle Hände voll zu tun, denn die Krise hat derzeit keinen negativen Einfluss auf den IT-Arbeitsmarkt", sagt Eva Vesterling, Vorsitzende des Aufsichtsrats des Familienunternehmens.

Nach wie vor ist es ein Arbeitnehmermarkt: Sie bestimmen, wo und wie sie arbeiten möchten. Das ist zunehmend von zu Hause aus. "Viele IT-Spezialisten haben in den letzten Wochen durch Homeoffice Freiheiten und Flexibilitäten kennen und schätzen gelernt, die sie nun dauerhaft nutzen wollen", sagt Vesterling. Sie empfiehlt suchenden Unternehmen zu prüfen, ob sie Homeoffice anbieten können, denn das Argument zieht.

Die Krise hat das Selbstbewusstsein der IT-Experten nicht beeinflusst, das ist stark. Bewerber sagen, was sie möchten und die Gehaltsforderungen sind unverändert hoch. "Weil die IT-Spezialisten sehen, dass viele Firmen nach ihnen suchen und sie sehr gute Chancen am Arbeitsmarkt haben, wissen sie, dass sie durchaus hohe Gehälter fordern können", sagt Vesterling. Bei ihr in der Firma ist die Summe der vermittelten Arbeitnehmer auf demselben Niveau wie vor Corona, also sowohl an der Nachfrage als auch am Angebot ist alles beim Alten geblieben.

Die wenigen Kandidaten, die nun kurzfristig am Markt verfügbar sind, weil kriselnde Unternehmen ihnen während der Probezeit kündigen, verändern das Gesamtbild aktuell nicht. Die Krise führt wohl dazu, dass IT-Spezialisten künftig wieder mehr Wert auf einen sicheren Arbeitsplatz legen. "In den letzten Jahren hat sie das weniger interessiert", sagt Vesterling. Die Beschäftigung mit Trendthemen wie beispielsweise künstliche Intelligenz, Wertschätzung für ihre Arbeit und ein attraktives Gehalt sind ihnen wichtiger. (axk)