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IT-Freiberufler: Gefragt, gejagt, ausgebucht

Profitieren auch IT-Freiberufler von der guten Konjunktur? Eindeutig ja und diese Form der Zusammenarbeit ist wohl zukunftsträchtiger als eine Festanstellung.

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(Bild: FirmBee)

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Dieser Lebenslauf weckt bei Personalern Begehrlichkeiten: Studium der Informatik an der TU Darmstadt und in Vancouver, Kanada, Java-Spezialist und knapp 20 Jahre Berufserfahrung in anspruchsvollen IT-Projekten. Tim Wellhausen hätte mit 43 zudem das richtige Alter für eine Managementposition. "Solche Angebote lehne ich regelmäßig ab, denn ich will Software entwickeln." Auch die Aussicht auf ein hohes Gehalt zieht bei ihm nicht. "Wenn es als Freiberufler läuft, verdient man mehr, als jede Firma zahlen will." Bei ihm brummt das Geschäft. Und es gibt einen dritten und wesentlichen Grund, weshalb er in keine Festanstellung geht: "Das ist meine Freiheit." Als Freiberufler kann er sich Projekte, Orte und Technik aussuchen, an und mit denen er arbeitet. Wellhausen profitiert von der guten Wirtschaftslage und der Digitalisierung. "Für Softwareentwickler gibt es sehr viel zu tun."

Tim Wellhausen

(Bild: privat)

Das war nicht immer so. Nachdem Wellhausen die Hälfte seines Studiums absolviert hatte, das war 1999, wurde er Teilzeitfreiberufler. "Damals, in Zeiten des Dotcom-Hypes war es selbst als Student einfach, an gut bezahle Aufträge zu kommen." 2001 schloß er seine Ausbildung ab und wurde Vollzeitfreiberufler. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase ließen die Anfragen von Kunden zwar nach, wie auch in der Finanzkrise ab 2008. Wellhausen hatte aber immer genügend zu tun, andere nicht, wie er weiß.

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Weshalb es auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten bei ihm läuft, liegt seiner Meinung daran, weil er potenziellen Auftraggebern schlüssig erzählen kann, wie er Aufgaben und Probleme löst. "Ich kann IT gut erklären, wirke daher kompetent." Wellhausen hat sein Profil zwar in IT-Freelancer-Agenturen hinterlegt, etwa Gulp. Doch diese Art der Akquise braucht er nicht mehr. "Seit sechs, sieben Jahren laufen alle Aufträge bei mir über Beziehungen." Frühere Kunden, Empfehlungen, Weitergabe anderer IT-Freelancer, die ausgelastet sind. "Schon seit 2011 ist die Auftragslage hervorragend." Wellhausen wird bildlich gesprochen von Auftraggebern der rote Teppich ausgerollt. In wirtschaftlich schlechten Zeiten fühlte er sich oft als Bittsteller, bei dem auch noch die Honorare gedrückt wurden. Stundensätze sind für ihn ausschlaggebender Indikator für die Situation von IT-Freelancern.

2016 lag deren Stundensatz durchschnittlich bei 83 Euro und stieg 2017 auf 89 Euro. Darin enthalten sind Reisekosten und Spesen. "Wir gehen davon aus, dass der Stundensatz in diesem Jahr über 90 Euro liegt", prognostiziert Ertan Demirel, Geschäftsführer von Gulp Information Services in München. Im Datenpool des Dienstleisters können Kunden nach Freelancern recherchieren und die Freien nach Projekten suchen. Das Unternehmen akquiriert zudem im Auftrag der Kunden Freie und Festangestellte für vakante Positionen. "Die Arbeitsmarktlage für IT-Spezialisten ist Top, das spüren wir täglich durch sehr viele Anfragen von Kunden." Freelancer können sich aus der Vielzahl an Angeboten attraktive und lukrative Projekte aussuchen. "Abwerbung in Festanstellung funktioniert höchst selten", weiß Demirel. Wer selbständig sei, bleibe das auch.

Jonas Lünendonk, geschäftsführender Gesellschafter der Marktforschungsgesellschaft Lünendonk und Hossenfelder spricht von einer "anhaltenden Sonderkonjunktur für IT-Freelancer in Deutschland". Davon profitieren IT-Freelancer-Agenturen mit steigenden Umsätzen. Seit vier Jahren wächst deren Geschäft zweistellig. Lünendonk prognostiziert ein "weiteres dynamisches Wachstum mit zweistelligen Raten bis 2022". Die Zahl der Freiberufler steigt mit 5,2 Prozent jährlich nur halb so stark, was für volle Auftragsbücher spricht. Nach weiteren Informationen von Lünendonk gab es 2010 rund 79.000 IT-Freelancer in Deutschland, 2016 sind es 105.000 gewesen. Aktuellere Zahlen liegen nicht vor.

Für Lünendonk sind "IT-Freelancer ein Positivbeispiel selbstständiger Tätigkeit in der digitalen Arbeitswelt". Die funktioniert nach Meinung von Arne Hosemann auch ohne festangestellte Mitarbeiter mit Präsenzarbeitsplätzen. Hosemann ist Mitgründer von Expertlead in Berlin. Seit Anfang 2018 besteht der digitale Marktplatz, über den Unternehmen IT-Freelancer finden können.

Bei der Gründung waren sie zu zweit, jetzt hat das Start-up etwa 20 Mitarbeiter und einige hundert IT-Freiberufler in der Datenbank. "Unser Geschäft läuft extrem gut", sagt Hosemann stolz. An qualifizierte IT-Freelancer zu kommen sei aber nicht leicht. Wie es Expertlead dennoch schafft, bleibt ein gut gehütetes Geheimnis. In zwei wesentlichen Punkten unterscheidet sich das Geschäftsmodell von Expertlead vom Wettbewerb. Zum einen müssen IT-Freelancer einen Programmiercheck bestehen, um in der Datenbank aufgenommen zu werden.

Zum anderen sind die IT-Spezialisten aus Deutschland und aller Welt; Osteuropa, Asien, Südamerika zum Beispiel. Um Freelancer von dort in Deutschland einsetzen zu können, müssen die Unternehmen akzeptieren, dass die Freien aus der Ferne arbeiten und nicht täglich ins Büro kommen. "Deutsche Unternehmen tun sich damit schwer", meint Hosemann. In Deutschland gebe es immer weniger verfügbare echte Talente, im Ausland schon. So baut Expertlead darauf, dass in den Köpfen der deutschen Auftraggeber ein Umdenken stattfindet, damit die Projekte künftig überwiegend remote abgearbeitet werden können. Bislang stammen die Kunden überwiegend aus dem deutschsprachigen Raum.

Pierre Wolter

(Bild: privat)

Pierre Wolter, 34, ist ein IT-Freelancer aus Berlin, der es in die Datenbank von Expertlead geschafft hat. Er ist bereits zum zweiten Mal IT-Freiberufler. Beim ersten Mal hat es nicht funktioniert. Damals war er gerade mit der Schule fertig und 18 Jahre alt. Es folgten einige Jahre in unterschiedlichen Festanstellungen als ITler. "Jeden Tag zu festen Arbeitszeiten ins gleiche Büro – das ist nichts für mich als Nachtmensch." Daher nahm er 2016 einen neuen Anlauf in die Freiberuflichkeit.

"Ich bin ein leidenschaftlicher Autodidakt und habe mir mein IT-Wissen im Internet angelesen." Wolters Spezialgebiet sind Back-End-Lösungen für Webanwendungen. Er verknüpft das Wissen aus Datenbanken. Die gute Konjunktur und hohe Nachfrage nach IT-Spezialisten aus der Wirtschaft spürt er deutlich. Projekte suchen muss er nicht, "ich werde regelrecht gejagt von potentiellen Kunden". Er ist total ausgebucht, muss Anfragen absagen.

Weil es so viel Arbeit gibt, aber nicht ausreichend Spezialisten, leide nach seiner Ansicht die Qualität der IT. "Ich vermute, dass manche Unternehmen aufgrund des Fachkräftemangels weniger qualifizierte Entwickler beauftragen, wodurch das Niveau der Arbeit leidet." Dies führen dazu, dass etwa Datenlecks entstehen, die sich in jüngster Zeit häufen. (anw)