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IT-Gipfel 2016: "Die ganze Welt will mit uns zusammenarbeiten"

Bundesregierung und Industrie setzen große Hoffnung auf die Industrie 4.0. Um den Erfolg der Technik zu befördern, sollen auch Gesetze geändert werden.

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IT-Gipfel: "Die ganze Welt will mit uns zusammenarbeiten"

(Bild: heise online / Torsten Kleinz)

Die vernetzte Produktion ist neben der digitalen Bildung das Schwerpunktthema des Nationalen IT-Gipfels in Saarbrücken. Zur Konferenz stellten Vertreter der im vergangenen Jahr 2015 gegründeten Plattform Industrie 4.0 erste Ergebnisse und Handlungsempfehlungen vor.

Matthias Machnig, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium zeigte sich angesichts der Fortschritte der Arbeitsgruppen enthusiastisch. "Alle wollen mit uns zusammenarbeiten", betonte der Fachpolitiker. So gebe es bereits Kontakte zur französischen Industrie und zur chinesischen Wirtschaft. "Wir müssen uns nicht vor den Amerikanern verstecken." So würden Konzerne wie Google zwar Gewinne erwirtschaften und ihren Angestellten ein gutes Auskommen bieten – in der Breite schaffte diese Art der Digitalisierung kaum Arbeitsplätze. Nun müsse daran gearbeitet werden, dass sich die Konkurrenz nicht zwischen Produktion und Kunden schiebe.

Referenten und Diskussionsteilnehmer

(Bild: Torsten Kleinz)

Dabei ist die Arbeit der deutschen Plattform noch lange nicht vollendet. Derzeit arbeitet eine der fünf Arbeitsgruppen an einer Standardisierung der Anforderungen an Geräte in der Industrie 4.0. Zudem muss ein Kommunikationsstandard geschaffen werden, mit dem sich Sensoren, Produktionsroboter und sonstige Systeme verständigen können. "Syntax ist die einfache Sache, aber die Semantik nicht", erklärte Karsten Schweichhart von der Deutschen Telekom in Saarbrücken. Derzeitiger Favorit für den Kommunikationsstandard ist OPC UA.

Die Aufgabe ist enorm komplex. Denn nicht nur die Maschinen und Verwaltungssysteme innerhalb eines Unternehmens sollen miteinander kommunizieren, sie sollen sich auch direkt mit Geräten anderer Unternehmen verständigen. So ermöglicht die vernetzte Industrie nicht nur, dass Waren nach Bestellungseingang automatisch produziert werden, die Industrie 4.0 kann auch direkt Nachschub an Rohmaterialien organisieren. Mehr noch: Algorithmen sollen künftig direkt auch den Preis verhandeln, zu dem ein bestimmtes Produkt angeboten wird.

Damit dies funktioniert, müssen die Vertragspartner sicher sein, dass die Maschinen die Anforderungen erfüllen. Geringe Abweichungen und Toleranzen können dafür sorgen, dass passgenau bestellte Bauteile nicht mehr verwendbar sind. Zudem haben Angreifer allzu oft freie Bahn, wenn sie in Industrieanlagen eindringen wollen. "Security ist ein Qualitätsmerkmal ihres Unternehmens, das sie gegenüber ihren Vertragspartnern kommunizieren können", betonte Michael Jochem vom Zulieferer Robert Bosch.

Diese Sicherheit ist aber nicht alleine über statische technische Standards zu gewährleisten – auch die Organisation muss auf das Ziel ausgerichtet werden. So plädieren die Experten der Plattform für die Einführung eines "Industrial Security Officers", statt die IT-Sicherheit in der Produktion Angestellten zu überlassen, denen für diese Aufgabe nur wenige Stunden pro Woche zugebilligt werden. Diese verbreitete Praxis hatte in der Vergangenheit zu enormen Sicherheitsproblemen geführt. Wer jedoch in Zukunft die Sicherheit vernachlässige, könnte in Zukunft von den automatisierten Handelskreisläufen ausgeschlossen werden, warnte Jochem.

Um wirklich praxisrelevante Standards zu erzeugen, haben die Arbeitsgruppen einige Einsatzszenarien für Industrie 4.0-Technologien erarbeitet, die als Grundlage für Standards und politische Empfehlungen dienen sollen. So beklagten die Experten in Saarbrücken das zu rigide AGB-Recht in Deutschland: Auch Unternehmen könnten in der Praxis von Klauseln Gebrauch machen, die eigentlich zum Schutz von Privatverbrauchern gedacht worden seien. Unternehmen könnten daher nicht sicher sein, dass ausgehandelte Verträge auch wirklich anwendbar sind. Hierzu versprach Machnig eine baldige Gesetzesinitiative der Bundesregierung.

Auch im Arbeitsrecht wünschen sich die Arbeitgeber Flexibilisierungen, da insbesondere das Arbeitszeitgesetz der Einführung der Industrie 4.0-Technik im Wege stehe. "Da sind wir uns nicht einig, aber wir sind in einem engen Austausch", erklärte Constanze Kurz, die als Vertreterin der Gewerkschaft IG Metall an der Plattform mitarbeitet. Auch der Datenschutz erweist sich als Problem: So sind die mit Sensoren bestückten Fertigungsanlagen immer auch dazu geeignet, das Verhalten der Arbeitnehmer zu überwachen. (kbe)

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