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IT-Gipfel: kleine Schnellboote, nicht nur große Tanker

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Die deutsche Wirtschaft ist insgesamt alles andere als Spitze im IT-Markt, auch wenn eine solche Spitzenstellung bei großen Konferenzen immer wieder beschworen wird. Im Vorfeld des geplanten IT-Gipfels der deutschen Bundesregierung sagte August Wilhelm Scheer, Gründer der IDS Scheer AG und Mitglied im Technologierat der Bundesregierung: "Wir haben mit Zuse den Computer erfunden, aber wir bauen keinen mehr. Wir hatten Bürosoftware bei Siemens, die ist weg. Wir hatten auch Datenbank- und Betriebssysteme, aber all diese Märkte haben wir verloren." Zwar, meinte Scheer, könne man sagen, dass man dafür ja andere Märkte habe. "Aber IT ist eben eine Querschnittstechnik. 80 Prozent der Innovationen in Bereichen wie Automobil, Medizintechnik und Entertainment kommen aus der IT." Mit Blick auf den Gipfel riet Scheer dazu, nicht immer nur an die "großen Tanker" zu denken. "Wir brauchen mehr kleine Schnellboote, die um die großen Tanker herumfahren."

"Das Beispiel MP3 ist vielleicht schon überstrapaziert worden, aber es trifft den Kern des Problems", betonte Scheer im Gespräch mit heise online. "Ich habe es selbst erlebt, als ich Ideen aus unserer Forschung vor Jahren bei Siemens und Nixdorf vorgestellt habe. Damals sagte man uns, ja, wenn Sie ein Produkt hätten, dann könnten wir den Vertrieb nach den Erfolgsaussichten fragen, aber nur eine Idee, das brauchen wir nicht. Wir haben selbst so viele Ideen." Daher habe er selbst ein Unternehmen gegründet. Die IDS Scheer AG gehört mit 3000 Mitarbeitern heute selbst schon zu den kleineren Tankern und hat auch den laut Scheer für Gründerunternehmen schwersten Schritt, die Internationalisierung, mit 20 Standorten weltweit geschafft.

Zentrale Frage für den Gipfel muss laut Scheer sein: "Wie bekommen wir IT-Gründungsunternehmen groß? Wie kommen wir von den gegründeten Unternehmen – und für die Gründung gibt es schon eine Reihe von Hilfen – zu Weltmarktunternehmen?" Zu kämpfen habe man dabei sicher mit dem fehlenden IT-Image der deutschen Wirtschaft. In den USA würde zwar gerne ein Porsche gekauft, aber IT-Produkte oder Dienstleistungen habe man selbst, oder kaufe sie aus Asien. Die Hoffnung für die deutsche Wirtschaft liege am ehesten im Bereich der "Embedded Software", gerade in der Automobilindustrie oder der Medizintechnik.

"Wir können da mit Software erfolgreich sein, wo wir die gesamte Wertschöpfungskette bis hin zum großen Kunden in Deutschland haben", glaubt Scheer. Als Stärke könne dabei das reiche Anwendungswissen aus den entsprechenden Branchen dienen. Wichtig seien dabei dann allerdings auch die Experimentierfreudigkeit der Unternehmen, nicht nur im eigenen Haus, sondern auch im Rahmen von Partnerschaften mit den "kleinen Schnellbooten". Für Letztere würden Partnerschaften dann auch den Schritt zur Internationalisierung erleichtern.

Für den Gipfel hätte Scheer angesichts der Bedeutung des Mittelstands in dieser Partnerschaft gerne mehr Mittelständler, gerade auch bei der Leitung der verschiedenen Arbeitsgruppen gesehen. Diese werden aber im Wesentlichen von den Managern großer Konzerne und von Ministern geleitet. "Ein Gründer, der mal über die Probleme berichtet, wäre mir lieber gewesen", betont Scheer. Die Gründergeneration sei nicht vertreten. Verwundert zeigte sich Scheer darüber, dass auch der Deutschand-Geschäftsführer von eBay eine Gipfel-Arbeitsgruppe leitet. "Ich denke, wenn es in den USA einen Gipfel zum eigenen IT-Standort gäbe, würde man dort nicht den Manager der amerikanischen Niederlassung der SAP bitten."

Die Frage nach der Beteiligung des deutschen Mittelstands am IT-Gipfel hatte auch die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag kürzlich in einer Kleinen Anfrage gestellt. Doch für eine ausführliche Antwort hat sich die Regierung Zeit bis nach dem Gipfel am Montag erbeten. Die Anfrage berühre zahlreiche Fragen zur Informations- und Zivilgesellschaft und bedürfe daher einer Abstimmung der Regierung mit den verschiedenen Ressorts.

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(Monika Ermert) / (jk)