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ITU diskutiert Auswirkungen der Finanzkrise auf die IT-Wirtschaft

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Die gegenwärtige Wirtschaftskrise ist nicht "gewöhnlich" und mit dem dot.com-Crash nicht zu vergleichen, sagten Wirtschafts- und IT-Experten zum Auftakt der Strategierunde der International Telecommunication Union (ITU) zu den Auswirkungen der Finanzkrise auf die IT-Branche heute in Lissabon. Die Strategierunde ist dem vierten "World Telecom Policy Forum (WPTF)" der ITU-Mitgliedsstaaten vorgeschaltet. Laut dem kanadischen Erfolgsautor Don Tapscott, Vorsitzender von Genera Insight, ist das Ende althergebrachter Institutionen abzusehen, von den Banken über Universitäten oder Städten bis hin zu klassischen Unternehmen: "Diese Institutionen haben uns bis hierher gebracht, aber sie können uns nicht mehr weiterbringen."

Etwas gemäßigter fällt das Urteil der ITU aus, die einen ausführlichen Bericht zu den Effekten der Krise vorgelegt hat. Darin heißt es, die Finanzkrise sorge insbesondere für Probleme beim weiteren Ausbau von "Next Generation Networks". Rund 137 Milliarden US-Dollar wären laut einer von der ITU zitierten Studie von Nemertes in den kommenden fünf Jahren notwendig, damit das Internet allein mit der wachsenden Nachfrage nach breitbandigen Zugängen Schritt halten könne. US-Carrier gäben aber 60 bis 70 Prozent weniger aus als nach dieser Rechnung notwendig wären. Schon 2012 könne die Nachfrage nach Kapazität im Access-Bereich daher nicht mehr befriedigt werden, rechnet die ITU vor.

Mobiltechnik komme besser davon als das Festnetz, prognostizieren die ITU-Autoren. Einerseits sieht die ITU in der Krise eine Chance für die Entwicklung neuer Techniken, andererseits sorge die Finanzkrise aber für Kapitalknappheit, gerade auch für neue, riskantere Unternehmungen. Bessere Aussichten für Investitionen in den Ausbau der Netze gibt es nach Ansicht der ITU erst wieder, wenn sich auch der Bankensektor erholt hat.

In Entwicklungsländern wie Nigeria sei klar zu beobachten, dass sich Kapitalgeber dort wieder zurückzögen, bestätigte Ernest Ndukwe, Vizechef der nigerianischen Telecom-Regulierungsbehörde (NCC) heute in Lissabon. Die neu entstehenden Märkte könnten allerdings mit einer rascheren Erholung rechnen, urteilte Herbert Heitmann Vorsitzender der Kommission für E-Business, IT und Telekommunikation der Internationalen Handelskammer (ICC). In den Industrienationen zögerten Unternehmen länger, bevor sie neue Investitionen tätigen und vor allem auch neues Personal beschäftigen. Die öffentliche Hand sollte seines Erachtens bevorzugt in technologische Innovation und nicht in den Schutz alter Geschäfte und Geschäftsmodelle investieren.

Hier setzt Tapscott mit seiner Kritik an. Das französische Modell der abgestuften Erwiderung von Urheberrechtsverletzungen und ähnliche Vorstöße zum Schutz klassischer Inhalteanbieter seien nichts anderes als die Verteidigung einer Branche, die unfähig zur Anpassung sei. Tapscott sagte, auch beim Bankensystem sei es nicht mit fetten Finanzspritzen getan. Vielmehr sei ein völlig neues "Betriebssystem" angezeigt, das auf Transparenz und Open Source auch bei den Risikobewertungen aufbaue, gewissermaßen ein "Linux für Risikobewertungen". (Monika Ermert) / (anw)