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Icann.sucks: Eine nicht endende Internetposse

Die Endung .sucks sorgt seit Wochen für viel Wirbel. Große Markeninhaber fühlen sich erpresst, der Betreiber sieht sich als Lichtgestalt im Netz und die Internetverwaltung ICANN fragt die US-Regierung um Rat.

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Viele .sucks-Domains sind vorstellbar, aber da dürften dann auch viele etwas dagegen haben.

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".sucks" übersetzt in etwa, dass etwas ganz gewaltig nervt. Vor allem Wirtschaftsvertreter meinen, dass das Geschäftsmodell von .sucks auf der Angst von Unternehmen vor einem Imageschaden basiere. John Berard, Chef des .sucks-Betreibers Vox Populi, versteht die Aufregung nicht. Alle Seiten profitierten von .sucks, meint er. Markeninhaber könnten mit einer Adresse die Kritik von Konsumenten in geordnete Bahnen lenken: "Das Internet ist bereits eine Plattform für Kritik, doch die ist verteilt und sammelt sich in einigen sehr dunklen Ecken des Netzes. Eine dotSucks-Domain würde Firmen die Möglichkeit geben, sie zu kanalisieren, zu kuratieren und aus ihr zu lernen." Und für Konsumenten werde es so leichter, sich zu artikulieren und gehört zu werden.

Die Preise für den Namensraum lassen allerdings an den ehrlichen Absichten des Betreibers zweifeln. Für die aktuell laufende "Sunrise-Phase", in der sich Markeninhaber Domains sichern können, wird auf der Webseite des .sucks-Betreibers eine Registrierungsgebühr von 2500 US-Dollar pro Jahr angegeben. Besonders hohe Preise gelten auch für einige attraktive generische Premium-Namen. Die Allgemeinheit kann ab dem 21. Juni registrieren, dann wird für eine Domain jährlich 249 Dollar veranschlagt, für das Blockieren einer Adresse etwas weniger. In der Realität liegen die Preise noch höher. Der Registrar United Domains beispielsweise akzeptiert schon jetzt Vorbestellungen und veranschlagt um die 300 Euro für eine .sucks-Domain.

Berard rechtfertigt das Preismodell. .sucks sei nicht nur ein gewöhnlicher neuer Namensraum, sondern biete Unternehmen ganz neue Möglichkeit des Marketings. Der Nutzen sei deswegen sehr viel höher als die Kosten. Und auf die Frage, wieso auch normale Registrierungen so teuer sind, antwortet er: "Es ist nicht unsere Absicht, das Internet mit dotSucks-Adressen zu fluten."

Die Empörung über das Modell von .sucks hat zu einem ungewöhnlichen politischen Intermezzo geführt, nachdem die Endung schon von der ICANN freigeschaltet worden war. Unter anderem hat die ICANN die US-amerikanische Behörde Federal Trade Commission (FTC) um Rat gebeten, ob die das "räuberische, ausbeuterische und auf Zwang beruhende" Preismodell für juristisch bedenklich halte. Im jüngsten Antwortschreiben der FTC-Vorsitzenden heißt es, dass sie sich nicht zur juristischen Einordnung äußern kann, Vox Populi aber im Auge behalte. Und dann kritisiert die FTC die ICANN generell und fordert sie auf, bei bestimmten sensiblen Endungen in Zukunft doch lieber genauer hinzuschauen.

.sucks ist nicht die einzige Endung mit Troll-Potenzial, es gibt auch das schon gelaunchte .porn und .wtf (für "What the fuck"). Aus Angst, viel Geld für sinnlose Defensiv-Registrierungen ausgeben zu müssen, hatten einige Markenverbände das vorab torpediert. Mit .sucks scheint der Alptraum wahr geworden zu sein.

Thomas Rickert

(Bild: Die Schnappschützen / Schollmeyer & Rickert )

Allerdings sind solche teuren, defensiven Registrierungen nicht unbedingt notwendig, um seine Marke zu schützen. Thomas Rickert, Anwalt und Domain-Experte im Internetbranchenverband Eco, meint, dass es auch andere Möglichkeiten gibt: "ICANN selbst bietet, kurz gesagt, mit dem UDRP und URS zwei Verfahren, mit dem Rechteinhaber entweder einen rechtsverletzenden Domain-Namen erstreiten oder aber diesen suspendieren lassen können, so dass dessen weitere Nutzung zu rechtswidrigen Zwecken unterbunden werden kann." Die Grundidee einer Plattform für Kritik, betrieben vom "Betroffenen", findet er eigentlich nicht schlecht. Ob das mit .sucks erreicht werde, müsse sich aber noch erweisen: "Ein weniger forsches Preismodell hätte sicherlich Markeninhabern die Entscheidung erleichtert, neue Wege im Umgang mit Kritik umzugehen, zu wagen."

Wie viele Markenregistrierungen es bisher gibt, verrät John Berard von Vox Populi nicht. Klar ist aber: es sind ihm noch zu wenig. .sucks hat die "Sunrise"-Phase für Markeninhaber schon zum zweiten Mal verlängert, diesmal bis zum 19. Juni. Von den Möglichkeiten der Endung hätten trotz der "überwältigenden Medien- und Markt-Aufmerksamkeit" noch zu wenige Anwälte, Firmenchefs und Markeninhaber Wind bekommen. Deswegen habe man sich zu dem "verantwortungsvollen Schritt" entschlossen, die Phase zu verlängern. (anw)