Indoor-Navigation mit Tücken

Sich in Gebäuden metergenau lokalisieren zu können klingt verlockend. Doch solche Systeme haben ihren Preis – für Kunden und Händler.

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Von
  • Gregor Honsel

Konzerne und Start-ups wetteifern um den Markt der Indoor-Navigation. Mehrere Verfahren erlauben es mittlerweile, sich auch in Einkaufszentren, Museen oder Bahnhöfen ohne GPS-Empfang metergenau zu lokalisieren. Doch keines dieser Systeme ist ohne Tücken, wie das Magazin Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe 6/2014 schreibt (am Kiosk oder online zu bestellen).

Händler oder Gebäudebetreiber müssen ihre Räume aufwendig kartographieren und gegebenenfalls in zusätzliche Hardware investieren; Nutzer müssen oft eine eigene App installieren und in Kauf nehmen, geortet werden zu können. Zwar gibt es Systeme, die anonym sind oder ohne eigene App laufen – doch nicht beides gleichzeitig. Das Fraunhofer-System „Awiloc“ ermöglicht einem Smartphone beispielsweise, sich völlig ohne Serverabfragen zu orientieren. So verrät es auch nichts über seinen Aufenthaltsort. Dafür muss der Nutzer aber eine eigene App nebst Geodatenbank herunterladen. Cisco hingegen bietet ein System an, das auch im Browser laufen kann – wenn der Nutzer bereit ist, sich orten zu lassen.

Die Ursache dafür ist nicht allein technischer Natur. In Gebäuden sind Nutzer darauf angewiesen, dass Betreiber auf eigene Kosten Ortungssysteme installieren. Und diese haben meist wenig Interesse daran, dass ihr Publikum anonym bleibt. Händler können mit den Daten beispielsweise nachvollziehen, welche Wege die Kunden nehmen und wie lange sie wo verweilen. So können sie ihre Verkaufsstrategie ähnlich gezielt wie Onlineshops verfeinern.

Genausowenig Interesse haben Händler daran, dass Nutzer in Innenräumen die gleichen Karten- und Navigationsdienste benutzen wie draußen. Stattdessen umgarnen sie ihre Kunden lieber mit eigenen Apps, die neben der Ortung auch Rabattaktionen oder Sonderangebote umfassen.

An diesem Dilemma ändert auch das vielgehypte System von Apple nichts. Im Sommer 2013 hatte der Konzern still und leise eine Funktion namens iBeacon in sein Betriebssystem iOS 7 eingebaut. Dabei geht Apple wie üblich seinen eigenen Weg: iBeacon basiert zwar auf dem Funkstandard Bluetooth 4.0 („Bluetooth Low Energy“, BLE), ist aber ein proprietäres Protokoll, das nur mit entsprechenden Apps funktioniert. Die Beacons senden eine individuelle Kennung, können aber nichts empfangen. Die Ortung kommt erst zustande, wenn eine App die Kennung an den Server des Betreibers weiterleitet. Dieser kann dann beispielsweise mit einem Willkommensgruß antworten oder einem Sonderangebot für das Produkt, vor dem der Kunde gerade steht.

Wie weit ein Händler seine Kunden persönlich verfolgen kann, hängt von den Einstellungen der App ab. Zwei Eigenheiten des Apple-Systems lassen aber Ungutes ahnen: Erstens kann es auch schlafende Apps wecken – der Nutzer muss also jederzeit damit rechnen, geortet oder angesprochen zu werden, wenn er in Reichweite eines iBeacons gerät. Zudem kann er das Tracking seit der iOS-Version 7.1 nicht mehr mit der App abschalten, sondern muss dafür umständlich in die Systemeinstellungen gehen. (grh)