Menü

Infokrieg und Edit Wars: Politische Kampagnen auf Wikipedia

Die Wikipedia ist verstärkt Ziel von koordinierten politischen Kampagnen. So soll die chinesische Regierung die Enzyklopädie gezielt beeinflussen.

Lesezeit: 1 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 252 Beiträge

(Bild: pixabay.com)

Von

Wikipedia ist als universelle Wissensplattform in einer enormen Machtposition: Egal, ob man die Audio-Assistenten Siri, Cortana oder Google befragt – ein großer Teil des Wissens stammt direkt aus der Online-Enzyklopädie. Dies ruft mächtige Interessen auf den Plan. Wie die BBC am Wochenende berichtete, sind besonders der Konflikt um Taiwan und die Proteste in Hongkong derzeit Gegenstand von gezielten Kampagnen.

Alarm geschlagen haben Mitglieder von Wikimedia Taiwan, die das Geschehen in den verschiedenen Sprachausgaben kritisch beobachten. Zwar gehören so genannte Edit-Wars, bei denen unterschiedliche Seiten ihre eigene Version der Fakten und Ereignisse durchdrücken wollen, zum Alltag auf Wikipedia – etwa, ob der Dalai Lama ein chinesischer Exilant oder ein tibetanischer Flüchtling ist.

Durch koordinierte Kampagnen sollen nach Überzeugung der taiwanesischen Wikipedianer die Selbstkontrollmechanismen der Wikipedia-Community außer Kraft gesetzt werden. Die BBC-Journalisten fanden 1600 verdächtige Änderungen in 22 umstrittenen Artikeln. Eine eindeutige Zuordnung zu Regierungsaktivitäten ist jedoch aufgrund der Daten nicht möglich.

Klar ist aber, dass der Einfluss auf die Online-Enzyklopädie in China mittlerweile mehr Priorität gewinnt. Die internationalen Wikipedia-Ausgaben sind für Internet-Nutzer in China ganz, die chinesische Ausgabe zumindest teilweise geblockt. Dennoch haben Vertreter Chinas die Bedeutung der Enzyklopädie für das Image des Landes auf der Welt erkannt. Es gibt sogar mehrere veröffentlichte akademische Artikel, in denen die Autoren den Zusammenhang zwischen der auf Wikipedia verwendeten Sprache und den Interessen Chinas thematisieren und Gegenmaßnahmen vorschlagen.




Koordinierte Kampagnen sind für Wikipedia keine Neuheit. Um Werbung oder gar Verleumdungen in der Wikipedia zu platzieren, legen Dienstleister mitunter Hunderte verschiedener Sockenpuppen-Accounts an, die mit harmlosen Beiträgen zunächst das Vertrauen der Community gewinnen sollen. Werden dann umstrittene Änderungen eingefügt, stimmen die vermeintlich konstruktiven Mitarbeiter für die von ihrem Auftraggeber gewollte Artikel-Version, die dann auch von Plattformen wie Google oder den Medien weiterverbreitet wird. Das Nachwuchsproblem bei Wikipedia-Autoren macht die verlässliche Kontrolle der Inhalte schwierig. Zwar legen Wikipedianer Wert darauf, dass Leser die Informationen auf der Plattform prüfen sollen. Mitunter schafft es ein Edit aber schon in wenigen Minuten auf andere Plattformen.

Die israelische Zeitung Haaretz enthüllte nun, dass sich über 15 Jahre lang in der Wikipedia die Legende eines Nazi-Konzentrationslagers in Warschau hielt, in dem 200.000 nicht-jüdische Polen umgebracht worden sein sollen. Zwar gab es das Lager wirklich, wie Holocaust-Forscher jedoch betonen, waren niemals auch nur annähernd so viele Gefangene in dem Lager, noch gab es dort Gaskammern. Erst in den vergangenen Wochen wurde der Artikel von falschen Zahlen und Verschwörungstheorien bereinigt. (tiw)