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Inside Wikileaks - die Fünfte Gewalt

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Ausschnitt aus Inside Wikileaks

(Bild: Constantin Film)

Gustl Mollath war da, Philipp Rösler auch, der Kulturpirat Kramm sowieso: In der Berliner Kulturbrauerei wurde die deutsche Premiere von Inside Wikileaks gefeiert. Wer da nicht die Geschichte von Wikileaks kannte, dürfte sich schwer getan haben mit den vielen Orten und Leaks.

"Inside Wikileaks" basiert zu drei Vierteln auf dem gleichnamigen Buch von Daniel Domscheit-Berg, ein Viertel ist aus dem Buch der Guardian-Journalisten David Leigh und Luke Harding übernommen, das dieser Tage auf Deutsch erschienen ist: "WikiLeaks: Julian Assanges Krieg gegen Geheimhaltung". Insgesamt hat sich Regisseur Bill Condon (Dreamgirls) an die Chronologie der wichtigsten Leaks gehalten, von den Papieren der Bank Julius Bär über den ersten Auftritt von Assange beim Chaos Computer Club bis zur Veröffentlichung der US-Depeschen. Wenn am Ende ein sichtlich erschöpfter Cumberbatch-Assange in der ecuadorianischen Botschaft den Abspann spricht (Wikileaks bleibt ungebrochen), hat der ebenso erschöpfte Zuschauer die Geschichte von mindestens neun Leaks hinter sich.

Das die Geschichte nicht eintönig von Leak zu Leak hüpft, liegt am herausragenden Benedikt Cumberbatch, der die von Assange ausgehende Faszination hervorragend verkörpert. Offenbar hat Cumberbatch die entsprechenden Auftritte von Assange intensiv studiert, die im Berliner bcc nachgefilmt wurden, unter strenger Beachtung der Auflage, kein CCC-Logo ins Bild zu rücken. Ihm zur Seite steht ein etwas hölzerner Daniel Brühl als Daniel Domscheit-Berg, der zunächst Assange bewundert, dann aber schnell als Nummer 2 der Truppe zur Seite steht. Eine neckische Liebesgeschichte ist eingebaut, damit sich Daniel zwischen Frau und Ruhm entscheiden kann. Bekanntermaßen zerbrach IRL laut Buch die Beziehung unter dem Druck der Anforderungen von Assange, im Film geht es besser zu.

Als echter Hollywood-Film spielt die für Wikileaks so wichtige Veröffentlichung des Videos "Collateral Murder" mit den brutalen Bildern nur eine kurze Rolle, dafür wird die Zusammenarbeit mit den Medien bei den Kriegstagebüchern der US-Armee und bei den erwähnten US-Depeschen breit ausgerollt. Der Konflikt ist klar: hier die Medien, die verantwortlich redigieren wollen, damit keine Menschenleben gefährdet sind, dort die fünfte Gewalt und ein Assange, der jeden Eingriff in die Dokumente als Zensur ablehnt. Am Ende schlägt sich Daniel auf die Seite der Schwärzer und befiehlt dem Cheftechniker (Moritz Bleibtreu), die Submission-Plattform von Wikileaks abzuschalten. "Es gab einen Moment, an dem alles möglich war. Wir haben Weltgeschichte geschrieben," bilanziert Daniel aus dem Off.

Ob "Inside Wikileaks" geeignet ist, Laien die Bedeutung von sicherern Whistleblowing-Plattformen zu erklären, wird sich anhand der Besucherzahlen zeigen müssen. Der Film hat seinen schönsten Moment am Anfang, als der noch unbekannte Assange in einer Umbaupause zu einigen ausharrenden Besuchern des 24C3 seine Philosophie erklärt: "Wenn zwei Menschen ein Geheimnis haben, ist dies der Anfang jeder Korruption. Doch es braucht nur einen einzigen moralischen Menschen, den Schleier zu zerreißen". Damit es diesen moralischen Menschen geben kann, muss es eine Plattform geben, die ihn und seine Informationen schützt. Nur so kann den Whistleblowern die Angst genommen werden.

Bekanntlich hat sich Julian Assange gegen den Film ausgesprochen, mit Mediastan gar einen Gegenfilm veröffentlichen lassen. Zudem hat er zu Beginn der Dreharbeiten einen Brief an Cumberbatch geschrieben und gebeten, vom Film Abstand zu nehmen. Vor kurzem veröffentlichte Wired eine Geschichte, dass Assange den Aktivisten David House nach Berlin geschickt hatte, damit dieser heimlich das Manuskript von Daniel Domscheit-Berg kopiert oder stiehlt. Die Aktion ging schief. Assange muss mit dem Buch von Domscheit-Berg leben, wie mit dem Film "Inside Wikileaks" – und weiteren Filmen und Büchern, die sicher kommen werden. Einer fünften Gewalt sollte das nichts ausmachen. (Detlef Borchers) / (jk)

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