Menü

Intelligente Wohnungen: Je höflicher, desto zuverlässiger

Ein Workshop in Bremen sammelte Ideen zum technikgestützten Leben in den eigenen vier Wänden.

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 92 Beiträge
Intelligente Wohnungen: Je höflicher desto zuverlässiger

3D-Modell des BAALL

(Bild: dfki.de)

Das berühmte Zauberwort, das im Kontakt mit anderen Menschen viele Türen öffnen kann, wirkt auch im Dialog mit der Maschine. Serge Autexier demonstrierte das am vergangenen Wochenende während einer Führung durch die Testwohnung des Bremen Ambient Assisted Living Lab (BAALL). "Baall, bitte die Küchentür öffnen", sagte der Laborleiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), eine Computerstimme bestätigte den Befehl und prompt glitt die Schiebetür zur Seite.

Nein, man müsse nicht unbedingt "bitte" sagen, erklärte Autexier, das sei "optional". Es habe sich aber gezeigt, dass die Spracherkennung auf die höflichere Variante zuverlässiger reagiere. Offenbar seien die vorgegebenen Sprachbefehle durch das zusätzliche Wort leichter von den übrigen in der Wohnung gesprochenen Sätzen zu unterscheiden.

Die Führung durch die 60 Quadratmeter große, behindertengerecht gestaltete Wohnung fand während eines eintägigen Workshops mit dem Titel "Smart Home – Wohnen in der Zukunft?!" statt. Die Forschenden am BAALL wollten dadurch mehr darüber zu erfahren, "wie viel und auf welche Art und Weise sich eine bestimmte Nutzergruppe – Frauen und Männer im Alter zwischen 30 und 40 Jahren – technischen Support in ihrem Alltag heute und in der Zukunft wünschen".

Acht Interessenten, größtenteils in der gewünschten Altersgruppe und mit unterschiedlichem beruflichem Hintergrund, waren dem Aufruf gefolgt. Zu ihren vorab geäußerten Bedenken zählten Fragen der Datensicherheit ebenso wie die nach der Langlebigkeit der Technik: Die Notwendigkeit häufiger Updates und Veränderungen der Bedienung, wie sie digitale Technik derzeit noch prägen, wären bei intelligenten Wohnungen, die ihre Bewohner möglichst bis ins hohe Alter begleiten sollen, kaum akzeptabel.

Auch wurde die Sorge geäußert, die menschliche Entscheidungsfreiheit könnte langsam ausgehöhlt werden: Womöglich entscheide das System mit der Zeit mehr und mehr selbst, statt nur Entscheidungshilfen zu geben. Die wurden gewünscht etwa bei der Kleidungsauswahl, bei der Ernährung, beim Lernen und der Freizeitgestaltung oder generell beim Auspendeln der Work-Life-Balance. Die Angst vor Hackern und Elektrosmog wurde ebenso geäußert wie die Hoffnung, dass eine intelligente Wohnung zu einem Gesprächspartner mit eigener Persönlichkeit werden und Bewohner bei der Entwicklung einer Demenz womöglich besser begleiten könne als menschliche Betreuer.

Workshop zum intelligenten Wohnen (12 Bilder)

Serge Autexier erläutert die Funktionsweise des zentralen Terminals, auf dem ein Grundriss der Wohnung angezeigt wird. (Links neben dem Bildschirm steht Sarah Teuber, Mitorganisatorin des Workshops.) (Bild: Hans-Arthur Marsiske)

Einige dieser Ideen wurden in der Laborwohnung schon aufgegriffen. So sind im BAALL alle Kleidungsstücke mit RFID-Transpondern ausgestattet und Bilder davon in einer Datenbank abgespeichert, sodass der Computer weiß, was an Kleidung zur Verfügung steht. Im Abgleich mit der Wettervorhersage und dem Terminkalender des Nutzers soll er passende Kleidung vorschlagen können und weiß auch genau, wo die Teile zu finden sind.

Auf dem zentralen Terminal, einem großen Flachbildschirm im Wohnzimmer, lässt sich ein Grundriss der Wohnung aufrufen und jedes Gerät ansteuern. Mit Mikrofonen in der Decke ist aber auch die Steuerung über Sprachbefehle möglich. Stürze der Bewohner erkennt die Wohnung mit grob auflösenden Wärmekameras, die keinerlei Konturen erkennen lassen und dadurch die menschliche Privatsphäre schützen, aber registrieren, ob ein Körper aufrecht steht oder am Boden liegt. Wenn er sich eine Weile nicht bewegt hat, kann ein Notruf aktiviert werden.

Der Workshops befasste sich auch mit der Frage, ob intelligente Wohnungen soziale Kontakte fördern könnten. Die Technik könnte für diejenigen, denen es schwer fällt, die Wohnung zu verlassen, ein Fenster nach draußen eröffnen und so mehr Teilhabe am sozialen Leben ermöglichen. Autexier beschrieb dazu die Vision eines Displays, das den Eindruck vermittle, als säße man mit den Kommunikationspartnern in einem Raum, nur durch eine Glasscheibe getrennt. Eine solche Form der Telepräsenz sei aber noch weit von der technischen Realisierung entfernt.

Deutlich näher liegt die Wohnung, die beim Kochen hilft, Ernährungstipps gibt und erkennt, wenn der Kuchen im Backofen fertig ist. Wenn der Mensch in der Küche gerade damit beschäftigt ist, Gemüse zu zerkleinern und zugleich womöglich noch mehrere Töpfe und Pfannen im Auge behalten muss, wäre aber die Lektüre von Rezepten ein zusätzlicher Stressfaktor, gesprochene Dialoge seien da wohl besser. Aber darauf waren die Wissenschaftler auch schon von selbst gekommen: Dialog@Home_ heißt das Bachelor-Projekt, das Autexier zusammen mit Kollegen ab Oktober 2016 für Studierende der Informatik und Linguistik anbietet. Darin geht es darum, Dialoge wie diesen zwischen Person (P) und Umgebung (U) zu realisieren:

P: Ich möchte gerne Pasta essen.
U: Wie wäre es mit Spaghetti mit Pilzen?
P: Gute Idee.
U: Dafür müsstest du noch Pilze kaufen gehen.
P: Ich habe keine Lust einzukaufen.
U: Du könntest auch beim Pizzaservice bestellen.

Die Stichwörter "Standardisierung" und "offene Schnittstellen" seien in der Forschung ein großes Thema, sagte Autexier. Die gängigen Geschäftsmodelle der Haushalts-Automatisierung favorisierten zumeist geschlossene Systeme, die den Kunden dazu motivieren, alle Haushaltsgeräte beim gleichen Hersteller zu kaufen. Die Landschaft der Standardisierungsinitiativen sei "sehr heterogen". Der bei der Gebäudeautomatisierung bislang verwendete KNX-Standard reiche bei weitem nicht aus. Es gebe aber viele Open-Source-Initiativen, die neue Perspektiven eröffneten. (anw)

Anzeige
Anzeige