Interim Management: Krisen- und IT-Manager auf Zeit gesucht

Manager auf Zeit sind in der Corona-Pandemie eine besondere Berufsgruppe: Manche macht das Virus zum Gewinner, andere zum Verlierer.

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Interim Management: Krisen- und IT-Manager auf Zeit gesucht

(Bild: Andrey_Popov / Shutterstock.com)

Von
  • Peter Ilg
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Corona hat ganz unterschiedliche Gesichter. Während das Virus die Automobilindustrie zu Werksschließungen gezwungen hat, arbeiten die Hersteller von Hygieneartikeln an ihrer Kapazitätsgrenze. So wie die Pandemie völlig entgegengesetzt auf Branchen wirkt, beeinflusst sie Berufsgruppen völlig unterschiedlich. Medizinisches Personal ist gefragt wie nie, für Entwickler im Maschinenbau herrscht häufig Einstellungsstopp. Dann gibt es eine Berufsgruppe, die von Corona gleichzeitig profitieren und darunter leiden kann: Interim Manager. Ausschlaggebend für den Ausschlag ist, wo und für was die Manager auf Zeit eingesetzt sind. Manchmal kommt beides sogar zusammen.

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So ist es bei Michael Reitzenstein, 53 und seit einigen Jahren Interim Manager, mit Festanstellungen zwischendurch. Im März hat er einen Manager-Job auf Zeit angenommen als Vertreter der Personalleiterin, die in Elternzeit gegangen ist. "Anfang März sah es so aus, als wäre das ein Einsatz wie manch anderer im Personalwesen davor, also business as usual. Dann kam Corona und ich war plötzlich Krisenmanager", sagt Reitzenstein. Wäre die Aufgabe und die Branche eine andere, müsste er als Externer wohl gehen. Nicht so in diesem Projekt.

"Ich leite alle personalstrategischen Maßnahmen, damit die Firma möglichst gut durch die Krise kommt." Arbeitsplätze und Produktion sichern, Einsparungen beim Personal und Kurzarbeit vorbereiten, indem alter Urlaub abgebaut wird. "Das ist Voraussetzung für Kurzarbeit und die wird eventuell notwendig für die Firma, falls die Zeiten schlecht werden", sagt Reitzenstein. Wie das Unternehmen heißt, darf er nicht sagen. Wohl aber, dass die Produktion in dem internationalen Unternehmen voll ausgelastet ist, denn es stellt Produkte her, die in diesen Zeiten dringend gebraucht werden.

Reitzensteins Mandat ist mit der Aufgabe und der Firma doppelt sicher. Um seine berufliche Zukunft macht er sich darüber hinaus keine Sorgen. "Ich bin als Wirtschaftsingenieur breit ausgebildet und damit flexibel einsetzbar." Obwohl es danach aussieht, als sei er in seinem Projekt unentbehrlich, könnte ihm heute gesagt werden, dass er morgen nicht mehr kommen soll. Das ist unabhängig von Corona machbar, weil Interim Manager wie Freiberufler keinen Kündigungsschutz haben.

Wie gefährlich ist das Virus für Manager auf Zeit und wie sehr gefährdet es diese Berufsgruppe? In Deutschland gibt es rund 10.000 Interim Manager. "Wir erleben aktuell die ganze Bandbreite an möglichen Auswirkungen: Stornierung von Projekten, andere laufen weiter, als gäbe es Corona nicht und es gibt eine verstärkte Nachfrage nach Managern zur Krisenbewältigung und für die IT", sagt Marei Strack, promovierte Maschinenbauingenieurin, seit 20 Jahren Interim Managerin und Vorstandsvorsitzende der Dachgesellschaft Deutsches Interim Management.

"Die derzeitige Situation führt uns eindrücklich vor Augen, welche Vorteile eine weit fortgeschrittene Digitalisierung der Prozesse in und zwischen Unternehmen haben kann", sagt sie. Um das Geschäft aufrechtzuerhalten, geht sie davon aus, dass manche Unternehmen etwa den Vertrieb ihrer Produkte digitalisieren und erwartet daher insbesondere unter IT-Interim-Managern kurzfristig einen Anstieg der Nachfrage. Ihr eigenes Projekt läuft weiter wie bisher, weil es aufgrund der kontinenteübergreifenden Zusammenarbeit von Beginn an auf Homeoffice und Zoom-Meetings angelegt ist. Wer remote arbeitet, dem schadet das Virus deutlich weniger als anderen. Doch das kann nur ein Bruchteil der Beschäftigten in Deutschland.

Mathias Hess, 49 und ebenfalls Interim Manager gehört dazu, zumindest temporär. "Aktuell bin ich zum Glück noch in einem Mandat, das voraussichtlich bis zur Jahresmitte laufen wird." Seit drei Wochen arbeitet er überwiegend vom Homeoffice aus und fährt nur noch in Ausnahmefällen zum Kunden, der nicht weit entfernt ist. Alle anderen Externen an dem Projekt arbeiten ausschließlich von zu Hause, auch die Kollegen aus Indien. In dem Auftrag geht es um die Trennung einer IT-Tochter vom Mutterkonzern. Hess ist Projektleiter.

Nach seiner Einschätzung sind Neuvermittlungen in Aufträge aktuell überwiegend eingestellt. "Mit Corona haben die Firmen größere Sorgen als die Besetzung einer vakanten Stelle oder die eines Projektleiters." Ein Grund dafür sei auch die Ansteckungsgefahr, die von Externen ausgehe. Viele Firmen sind massiv im Krisenmodus, identifizieren die wichtigsten Mitarbeiter und isolieren sie daraufhin, um deren Ausfall möglichst zu verhindern. Hess geht davon aus, dass die Krise einige Monate andauern wird und manche Kollegen ihr Mandat verlieren, weil Firmen zuerst an Externen sparen und die Zusammenarbeit kurzfristig beenden.

"Normalerweise sind wir Interim Manager es gewohnt, nicht gleich ein Anschlussmandat zu bekommen. Verantwortungsvolle Kollegen bauen sich daher eine finanzielle Reserve auf, um einige Monate zu überstehen", sagt Hess. Wenn die Krise und deren wirtschaftliche Folgen aber ein halbes Jahr anhält, wird bei vielen der Puffer aufgebraucht sein.

Hess hat sich nach einem Anschlussprojekt umgeschaut. "Es gibt kaum Angebote, aber ich habe ja noch drei Monate zu tun." Er hofft, dass sich die Lage bis dahin halbwegs normalisiert. Existenzsorgen hat der erfahrene IT-Fachmann bedingt, weil alle möglichen Varianten in Betracht gezogen und die finanziellen Folgen abgeschätzt. "Unsicher sind Einsätze als Interim Manager immer und in dieser Zeit noch viel mehr", sagt Hess. Es könne durchaus sein, dass sein aktuelles Projekt eingestellt würde, dann brechen ihm von heute auf morgen die Einnahmen weg. Bislang sieht es zwar nicht danach aus, wir erleben in diesen Zeiten aber heute Situationen, die wir uns gestern nicht hätten vorstellen können. (axk)