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Internet-Anschluss für ein ganzes Dorf auf einen Schlag

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Der Satellitenbetreiber Eutelsat startet in der baden-württembergischen Gemeinde Niederstetten ein Modellprojekt zur Internetversorgung von Kommunen via Satellit. Die Teilnehmer erhalten den Internet-Zugang zwar wie üblich über eine einst nur für Telefoniezwecke verlegte Kupferdoppelader, eingespeist werden die Internet-Daten aber aus dem Orbit vom Ka-Sat-Satelliten in den örtlichen DSLAM (Digital Subscriber Line Access Multiplexer, DSL-Zugangskonzentrator). Die Technik hat der Eutelsat-Partner Eusanat entwickelt, ehemals unter dem Namen Satspeed bekannt.

Der Satellit nutzt das Ka-Band und liefert per Multispotbeam hauptsächlich auf Europa verteilt insgesamt rund 90 GBit/s. In Niederstetten sind nun sieben Ortsteile über den Satelliten ans Internet angeschlossen. Rund 50 Prozent der Kosten zahlt das Land Baden-Württemberg. Die Infrastruktur sei voll förderfähig, später könne sie auch auf reinen Festnetzbetrieb umgestellt werden, erklärte Eutelsat.

Der Ka-Sat-Satellit während einer Testphase in Toulouse, 2010 noch vor seinem Abflug in den Orbit.

Der Ansatz erscheint durchaus attraktiv, denn an den Hausanschlüssen lassen sich je nach Tarif und Leitungsgüte handelsübliche ADSL2+- oder VDSL-Modems anschließen. Weder sind spezielle Satelliten-Modems beim Teilnehmer erforderlich, noch muss man Antennen montieren und ausrichten; den Sat-Backbone inklusive speziellem Sat-Modem installiert Eusanet am DSLAM für alle daran angekoppelten Haushalte. Vom DSLAM gehen dann übliche ADSL2+- und VDSL-Signale über die Kupferdoppelader zu den Teilnehmern. Im ADSL2+-Modus kommen wie üblich bis zu 16 MBit/s ins Haus, im VDSL-Modus bis zu 30 MBit/s.

Den Satelliten-üblichen Vorteilen der kontinentweiten Abdeckung stehen natürlich die technikspezifischen Nachteile gegenüber: Das Funksignal ist generell nicht so zuverlässig wie ein per Kabel befördertes Signal und es muss vom DSLAM rauf in den Orbit und dort vom Satelliten zurück auf die Erde gefunkt werden. Erst dort gelangt es über eine Kopfstelle ins Internet.

Das alles dauert – allein die Funkausbreitung mit Lichtgeschwindigkeit benötigt für die Sat-Strecken bereits 480 ms, hinzu kommen noch Signalverarbeitungszeiten in den einzelnen Netzelementen. Unterm Strich ist das für Anwendungen, die schnelle Reaktionen brauchen, etwa Netzwerkspiele viel zu lang. VoIP-Telefonate leiden ebenfalls darunter, aber mit etwas Wohlwollen kann man sich daran gewöhnen.

Dennoch kann man von einer Win-Win-Situation sprechen: Auf diese Weise muss die Gemeinde nicht mehr darauf hoffen, dass die Telekom vielleicht doch noch eines Tages eine schnelle Anschlussstrecke nach Niederstetten legt. Und die Telekom muss ihren Taschenrechner nicht bemühen, um sich den Bau einer Glasfaserstrecke aufs Land schönzurechnen. (dz)