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Internet-Filtern auf gut Deutsch

Die Internet Content Rating Association (ICRA [1]) bietet nun ihren bereits im vergangenen Jahr vorgestellten Fragebogen [2] zu "nicht-jugendfreien" Inhalten im Web auch auf Deutsch, Französisch und Spanisch an. ICRASafe ist eine Weiterentwicklung des technisch auf PICs (Platform for Internet Content Selection) basierenden Filtersystems des Recreational Software Advisory Council on the Internet (RSACi). Es wird von Branchenriesen wie AOL, Microsoft, Network Solutions, British Telecom, T-Online und Organisationen wie der EUROIspa, Internet Watch Foundation oder der Parents Advisory Group for the Internet (PAGi) aus Singapur getragen. Die Internationalisierung des Kategoriensystems für die Selbsteinschätzung von Webseiten sei gerade mit Blick auf die kulturelle Vielfalt in Europa ein wichtiger Schritt, heißt es in der Mitteilung des Konsortiums.

Bislang haben nach Auskunft des Europa-Direktors der ICRA, Ola-Kristian Hoff [3], nur etwa 170.000 Anbieter sich selbst mittels ICRA-Fragebogen klassifiziert. Darunter seien allerdings wohl auch einige nicht mehr aktive Seiten. "Da wir mit dem neuen System erst einige Monate präsent sind, wollen wir uns jetzt um die stärkere Verbreitung kümmern", betonte Hoff. Man setze vor allem auf die rund 1.000 Seiten, die laut Statistiken 80 Prozent des Webverkehrs anziehen. "ICRA ist die einzige Organisation, die mit dem Vatikan und der 'Adult'-Industrie arbeiten kann", schätzt Hoff, "weil wir nicht versuchen, den Leuten zu sagen, was gut oder schlecht ist. Wir wollen ausschließlich Eltern eine Chance geben." Eltern sollen künftig per ICRA-Regler im Browser (vorerst nur für den Internet Explorer, Netscape soll folgen) den Grad an "Nacktheit", "Gewalt", "rüder Sprache" und sonstigen schädlichen Inhalten einstellen können. Vorerst ergibt die ausschließliche Zulassung bereits bewerteter Seiten allerdings ein recht eingeschränktes Angebot. Europa-Direktor Hoff vermutet, dass sich diese Varianten, zusammen mit von den Eltern selbst erstellten Positiv- und Negativ-Listen, in erster Linie für "sehr junge Kinder" eignen.

Die Schwächen des Systems liegen außerdem im Interpretationsspielraum des Kategoriensystems, die sich nun auch im deutschen Fragebogen für Rating-willige Webanbieter zeigt: der "entblößte Hintern" mag recht unzweideutig sein, aber was ist "sexualisierte Sprache", "absichtliche Verletzung von Fantasiefiguren" (Comic-Figuren), die aber möglicherweise "in einem sportlichen Zusammenhang" erscheint? Noch deutlicher wird das Problem bei den allgemeinen Kategorien: "Inhalte, die Kindern ein schlechtes Beispiel setzen können" und "Inhalte, die Kinder beeinträchtigen können".

ICRA versteht sich dennoch als nichtkommerzielle Alternative auf dem wachsenden Filtermarkt, da große Content-Anbieter es vorzögen, selbst ihre Inhalte zu erklären anstatt von kommerziellen Filteranbietern ohne ihr Wissen auf schwarze Listen gesetzt zu werden. Die größte Filterliste überhaupt will etwa Siemens-Ableger Webwasher [4] gemeinsam mit zwei Partnern auf der Cebit ankündigen. 1,5 Millionen URLs in 60 Kategorien sollen dafür laut Webwasher-Sprecher Berni Lörwald mit Hilfe von Bilderkennungsverfahren und Seitenbesuchen durch Mitarbeiter überprüft werden. "Wir nehmen den Inhalteanbietern das ab, wir sagen, das ist Pornographie, das ist rechtsradikal", erklärt Lörwald. Damit, so schätzt er, werde aber auch die Selbstbewertung, wie ICRA sie plant, interessanter. Dann nämlich seien Anbieter eher an einem Unbedenklichkeitslabel interessiert. Beide Filteranbieter erhalten Geld aus dem EU-Programm Safer Use of the Internet [5]. (Monika Ermert) / (jk [6])


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-40581

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.icra.org/
[2] https://www.heise.de/meldung/ICRA-Inhaltsfilter-fuers-Web-vorgestellt-32922.html
[3] http://www.icra.org/bio/biookh.html
[4] http://www.webwasher.de/
[5] http://europa.eu.int/ISPO/legal/en/internet/actplan.html
[6] mailto:jk@ct.de