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Internet Society soll .org-Registry werden

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Ganz unerwartet kam die Vorentscheidung nicht: Die Internet Society (ISOC), Muttergesellschaft wichtiger Netzstandardisierungsgremien wie der Internet Engineering Task Force (IETF) oder dem Internet Architecture Board (IAB), soll zusammen mit .info-Registry Afilias als technischem Betreiber ab dem 1. Januar 2003 die Verwaltung der org-Adressen von VeriSign/NSI übernehmen. Diese Empfehlung legte das Büro der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) jetzt seinem Vorstand und der Öffentlichkeit vor. Zwar sind weitere öffentliche Stellungnahmen noch per E-Mail und auf einer speziell dafür eingerichteten Forumsseite möglich. Doch wird die Entscheidung laut Schlund- und Afilias-Vorstandsmitglied Eric Schätzlein noch vor dem nächsten öffentlichen ICANN-Treffen in einer Telefonkonferenz der Direktoren gefällt.

"Wir haben elf sehr starke und durchdachte Vorschläge bekommen", sagte ICANNs Präsident Stuart Lynn in einer Mitteilung der DNS-Verwaltung. Der ISOC/Afilias-Vorschlag aber sei der einzige gewesen, der bei den insgesamt zwei technischen Evaluierungsteams sowie einer Arbeitsgruppe der Vertreter der nichtkommerziellen Domain-Inhaber innerhalb der ICANN und dem Chefjuristen der ICANN eine gute Note bekam. "Ingesamt betrachtet, ragte ihr Vorschlag aus allen übrigen heraus", sagte daher Lynn. Vor allem das Beratungsunternehmen Gartner, dass die technische Qualität der Bewerber zu prüfen hatte, gab in seinem Bericht Afilias als erfahrenem Registry-Betreiber sehr gute Noten. Immerhin habe das Unternehmen schon rund eine Million Adressen über insgesamt rund 100 ICANN-Registrare in den Markt gebracht hat. Dafür nahm man den kleinen Wermutstropfen in Kauf, dass auch der Exmonopolist Verisign/NSI als einer von 16 Afilias-Teilhabern wieder im Boot ist. Zu den Afilias-Gründungsmitgliedern gehören auch die deutschen Unternehmen Schlund und Enterprise Multimedia AG (EPAG).

In den USA bereits bekannte Namen hätten sicher mit den Ausschlag gegeben, urteilte in einer ersten Reaktion einer der wenigen Nicht-US-Bewerber, die Schweizer .ch- und .li-Registry Switch. "Um eine Vergabe der org-Registry außerhalb der USA zu ermöglichen, hätte man viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, dass dabei nichts schief geht", sagte Marcel Schneider, der die org-Bewerbung von Switch betrieben hatte. Dass die Schweizer fast mit den schlechtesten Noten abgeschnitten haben, vor allem auch bei der Technik, hat Schneider allerdings doch ziemlich verwundert. Dabei befindet sich die Switch in guter Gesellschaft: auch die Bewerbung der DNS-Experten Carl Malamud und Paul Vixie erhielt nur die niedrigste Techniknote.

Gartner habe sich nicht zuletzt von der detallierten Beschreibung des technischen Equiments leiten lassen, schätzt Schneider. Technisch an der Spitze liegt dementsprechend .biz-Provider Neustar, der auch von der Arbeitsgruppe der Non-Commercial Domain Name Holder (NCDNHC) gute Noten für seine Marktforschung erhielt. Den gleichen Aufwand wie die großen Anbieter konnten sich kleinere Bewerber freilich kaum leisten. Auch Unterstützerwerbung kostet Zeit und Geld. Die NCDNHC-Arbeitsgruppe, die vor allem die Nutzerorientierung der Bewerber testen sollte, hatte die Bewerbung von Poptel, Betreiber von .coop, und der Firma AusRegistry als beste Vertreter für nichtkommerzielle Organisationen an die Spitze gesetzt -- als Unterstützer konnte hier etwa die Bewegung der Globalisierungskritiker Attac gewonnen werden. Die ISOC schaffte es hier immerhin auf Gesamtplatz 5.

Die org-Neuvergabe offenbart dabei erneut, wie stark trotz aller Bemühungen der ICANN um Objektivität letztlich politische Erwägungen in den Entscheidungsprozessen eine Rolle spielen. "Ich fürchte, die Evaluierungsberichte machen letztlich wenig Unterschied," sagt etwa Marc Schneiders, der als einer von insgesamt nur zwei Europäern in allen vier Evaluierungsteams auftauchte. "Man bedient sich der Berichte, wenn sie passen, sonst nicht," schätzt Schneiders. Der Niederländer, im NCDNH-Abschlussbericht fälschlicherweise als Deutscher bezeichnet, ist wohl auch eher als europäischer Zählkandidat aufgeführt. "Ich habe aus Zeitgründen nicht sehr viel beitragen können."

Gegen die politisch korrekte und ausreichend US-nahe ISOC-Bewerbung hatten es die Konkurrenten dagegen von Anfang an ziemlich schwer. Nicht geschadet haben der Bewerbung sicherlich die engen Verbindungen der ICANN sowohl zur ISOC -- die ursprünglich auch einmal für die DNS-Verwaltung im Gespräch war -- als auch zu Afilias, einem der größten Registry-Betreiber und damit ICANN-Mitfinanziers. Don Heath, ehemaliger Chef der ISOC, dürfte wohl die Verbindung zwischen ISOC und Afilias hergestellt haben: Er ist ISOC-Direktor und war zeitweilig auch Afilias-Vorstandsmitglied. (Monika Ermert) / (jk)