Internet fördert "Flucht vor Information"

Medienexperten sehen angesichts der Informationsflut durch Internet und neue Medien einen Trend zur "Zlatkoisierung der Gesellschaft".

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Von
  • mbb

Alle sechs Monate verdoppeln sich die Inhaltsangebote im Netz; die durchschnittliche Internetseite ist etwa 46 Tage gültig, hat die Münsteraner Kommunikationswissenschaftlerlin Miriam Meckel ermittelt. Mehr und mehr Medien würden, um ihren steigenden Informationsbedarf zu decken, in die Privatsphäre der Menschen vordringen, sagte die Wissenschaftlerin gestern in einer Diskussion über "Kommunikationstrends" auf dem Medientreffen Hamburger Dialog. Wer dem Nach-Außen-Stülpen des Inneren negativ gegenüberstehe und dabei nicht mitwirke, komme in der Mediengesellschaft nicht vor, kritisierte sie.

"Viele reagieren auf die allgegenwärtige Informationsflut mit Rückzug", meint Tim Renner vom Hamburger Musikunternehmen Universal Music. Die Informationsgesellschaft beende die Ära der alten Massenmedien und zerstöre die gemeinsame Wissensbasis der Gesellschaft. Als Grund führte Renner einen künstlichen Jugendkult an: "Da alle unter 50 jung sein wollen, hat die Gesellschaft der Jugend ihre Jugendlichkeit genommen." Die Ablehnung der intellektuell ausgerichteten Informationsgesellschaft bleibe da deren einzig mögliche Provokation. "Junge Menschen sind auf der Flucht vor Informationen", sagte Renner. Er bezeichnete diesen Trend in Anspielung auf den inzwischen wohl berühmtesten (Ex-)Teilnehmer an der RTL2-Containersoap Big Brother als "Zlatkoisierung der Gesellschaft".

Für Wau Holland vom Chaos Computer Club Jena steckt System hinter dem Trend. "Die Schulen vermitteln seit langem zu wenig elementare Kenntnisse", kritisierte er. Angesichts der Komplexität von Rechnern sei es wichtig, die Geräte zu verstehen. "Alle 18 Monate verdoppelt sich die technische Kompetenz, doch wir bleiben stehen", meint Holland. Beim ersten Computer mit 3.000 Relais habe theoretisch noch ein Mensch allein alle Schaltungen kennen können. Heute seien über 20 Millionen Transistorfunktionen in der CPU. Damit sei Teamfähigkeit eine der Hauptanforderungen bei der Programmierarbeit geworden, erklärte Holland und forderte, offene Software an Schulen zu verwenden: "Es reicht nicht aus Buttons zu drücken, komplexe Vorgänge müssen einsichtig werden." Auch das Sicherheitsproblem beim Datentransfer lasse sich langfristig nur mit einer verbesserten Grundbildung eingrenzen. "Wer keine Ahnung hat, kann immer nur vor dem Gerät stehen und mit Goethe sagen: ‘Besen, Besen ist's gewesen’", zitierte Holland und betonte: "Sicherheit ist kein Zustand, sondern ein Prozess." (mbb) (jk)