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Internet und Gesellschaft: Welche Freiheit meinen wir?

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Zwei Tage lang hat sich das 1. Berliner Symposium über Internet und Gesellschaft des neu gegründeten gleichnamigen Humboldt-Institutes wissenschaftlich mit dem Internet beschäftigt. Den Höhepunkt der Konferenz bildete ein engagierter Vortrag der Bloggerin und Journalistin Rebecca MacKinnon, die sich weitab der wissenschaftlichen Fragen zur Zukunft der Freiheit im Internet äußerte. McKinnon ist unter anderem auch Mitgründerin des Blogger-Netzwerks Global Voices.

Rebecca MacKinnon

(Bild: berlinsymposium.org)

Es gibt autoritäre und demokratische Staaten, setzte MacKinnon an. Der üblichen Lesart entsprechend führen die durch die Vernetzung gewonnenen Möglichkeiten zum Bloggen und Twittern zu einem demokratischen Aufbruch, den autoritäre Regimes verhindern wollen. Neben den Mitteln der Blockade und der inhaltlichen Zensur appellieren sie an die Selbstdisziplin der Bürger. Das Resultat ist ein eingefriedetes Netz, eine Interimslösung, die das Regime nicht gefährdet.

Mit zahlreichen Beispielen aus dem arabischen Frühling, aus China, Korea und Russland illustrierte Rebecca MacKinnon diese These. Die Mitgründerin von Global Voices beließ es nicht bei der Kritik autoritärer Regimes: Auch die demokratischen Staaten können die Freiheit der Rede im Internet einschränken und landen dann exakt in der Interimslösung der autoritären Staaten. "Das ist eine Entwicklung, die ich noch fürchterlicher finde", meinte MacKinnon, die an den Verstand der Netzgesellschaft appellierte.

Ihre Hoffnungen ruhen auf Netzaktivisten und Bestrebungen wie der Internet Rights and Priciples Coalition, die jenseits eingefahrener staatlicher und internationaler Dialoge der Staaten auf Menschenrechte setzen, die die Realtität des Internets einbeziehen. Als Beispiel deutscher Aktivisten nannte MacKinnon die Arbeit von Netzpolitik und des Chaos Computer Clubs.

Der Vortrag von MacKinnon, die derzeit Fellow an der ebenfalls von Google mitfinanzierten New America Foundation ist (dort sitzt Eric Schmidt dem Aufsichtsrat vor), gab der ersten Konferenz des neuen Google-Forschungsinstitutes in Berlin einen politischen Drall. Die mitunter anämische Suche nach künftigen Forschungsthemen für das neue Institut wurde damit durchbrochen.

Die Netzaktivisten, die eine Art re:publica erwartet hatten, freuten sich. Und das nicht nur, weil Philip Müller mit Open Statecraft seinen re:publica-Vortrag wiederholte. Stellenweise gab es abseits akademischer Verrenkungen wissenschaftliche Anschlüsse an die aktuellen Debatten, wenn etwa Viktor Mayer-Schönberger und Zarino Zappia ihre Forschungen zu Open Data vorstellten. Die Soziologen analysierten die Daten von 175 Open Data-Apps und den 215 Entwicklern dieser Datenzugänge. Sie stellten fest, dass mehr als drei Viertel der Entwickler allein vor sich her arbeitende Individuen sind und formulierten gleich die nächsten Fragen: Was bedeutet es eigentlich für eine Gesellschaft, wenn der Datenzugriff praktisch in der Hand eines einzigen Individuums liegt, das morgen die Lust verlieren kann, an der App oder der API zu arbeiten? Auch so kann Demokratie unter Beschuss geraten. (anw)

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