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Interpol treibt EU-Projekt zur Stimmerkennung im Internet voran

Die internationale Polizeivereinigung Interpol hat ein erstes Treffen des Speaker Identification Integrated Project (SIIP) durchgeführt, das sich auf die Sprecher-Erkennung in Internet-Telefonaten und sozialen Medien spezialisiert hat.

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Die Polizeiorganisation Interpol, der Strafverfolgungsbehörden aus 190 Staaten angehören, will eine führende Rolle bei der biometrischen Spracherkennung im Internet einnehmen. Als Partner des Speaker Identification Integrated Project (SIIP), das von der EU unter dem auslaufenden 7. Forschungsrahmenprogramm gefördert wird, hat sie dazu vergangene Woche ein erstes Treffen mit 40 Experten aus 19 Ländern in ihrem Hauptquartier in Lyon abgehalten. Dabei standen laut der Vereinigung neben Nutzeranforderungen und technischen Spezifikationen auch eine Reihe rechtlicher und "sozial-ethischer" Schutzvorkehrungen im Vordergrund.

Für die Stimmerkennung werden vor allem Tonvibrationen analysiert und mit bestehenden Mustern abgeglichen. Dabei macht sich die Methode zunutze, dass die Aussprache bei jedem Individuum leicht unterschiedlich ist und eine spezielle Charakteristik aufweist. Diese lässt sich mit mathematischen Verfahren erfassen. Noch vor einigen Jahren meinten Sachverständige vom Bundeskriminalamt (BKA) zwar, dass es "keinen akustischen Fingerabdruck" gebe. Die Analysemethoden sollen sich aber inzwischen deutlich verbessert haben.

Das im Mai gestartete und bis Mitte 2018 laufende EU-Projekt zur Sprecher-Erkennung baut laut dem Schweizer Partner Idiap-Forschungszentrum auf einer Integration mehrerer Sprachanalyse-Algorithmen auf. Untersucht werden sollen unter anderem Sprachfetzen, Geschlecht, Alter und Akzent der Betroffenen sowie verwendete Schlüsselwörter und ihr Sprachschatz. Auch Verbindungs- und andere Metadaten würden einbezogen sowie Daten aus offenen Quellen. Dies soll insgesamt eine deutlich bessere Erkennung erlauben als bei bisherigen Ansätzen.

Einen Schwerpunkt haben die 17 Partner aus den Bereichen Strafverfolgung, Wissenschaft und Industrie auf das Durchforsten "Internet-basierter Anwendungen" wie Voice over IP (VoIP) oder sozialen Netzwerken gelegt. Dies sei heutzutage entscheidend, um Kriminelle oder Gefährder auszumachen, die ein Verbrechen oder einen Terroranschlag planten. Parallel würden das Festnetz, Mobilfunk und Satellitenkommunikation einbezogen.

Techniken zur Sprachbiometrie werden von Wikileaks in den "Spy Files" aufgeführt, die das Enthüllungsportal im September veröffentlicht hat. In dem Verzeichnissen von Dokumenten, das auf eine tiefe Verstrickung von Staat und Wirtschaft in einem industriepolitischen Abhörkomplex hinweisen soll, taucht auch die US-Firma Verint als Hersteller von Werkzeugen zum "gesetzmäßigen" Abschnorcheln der Telekommunikation auf, die SIIP koordiniert.

Geht es nach Interpol, soll bei dem Projekt aber der Datenschutz von Anfang an gemäß dem Prinzip "Privacy by Design" in die Technik eingebaut werden. Die Einbindung der Polizeiorganisation signalisiere, dass man neben den Bedürfnissen der Ermittler im Interesse der weltweiten Sicherheit auch Aspekte zum Absichern der Privatsphäre der Bürger von Anfang an mit bedenke, betonte der Interpol-Justiziar Joël Sollier.

Im Gegensatz etwa zur Polizei Nordirlands gehört das BKA nicht zu den Beteiligten. Die Wiesbadener nutzen bereits ein eigenes Sprecher-Erkennungssystem für den automatischen, forensischen Stimmenvergleich, wie die Bundesregierung jüngst auf Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken ausführte. Damit würden Sprachproben auf akustische Ähnlichkeit hin überprüft. Ferner verwende das BKA zur Autorenerkennung in Texten ein "Kriminaltechnisches Informationssystem" (Kiste). Bedeckter hält sich die Regierung beim Bundesnachrichtendienst (BND). Dieser nutze zur Stimmerkennung "marktgängige Produkte und integriere diese in eigene Prozesse". (Stefan Krempl) / (axk)

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