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"Investigative Drohnen": Guerilla-Taktik soll drohnengestützten Journalismus beflügeln

Wer mit einem "Kopter" kommerzielle Bilder machen will, braucht dafür eine Genehmigung und muss einige Regeln beachten. Experten rechnen daher damit, dass Medien vielfach auf illegal produziertes Material mit "Gottesblick" setzen.

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Privat kleine Drohnen fliegen zu lassen, die mit einem Smartphone gesteuert werden, ist noch ein weitgehend unregulierter Bereich. Dies führte ein sächsischer Pirat im Herbst in Dresden Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem damaligen Verteidigungsminister Thomas de Maizière während einer Wahlkampfveranstaltung vor Augen. Wer Quadro- oder Oktokopter gewerblich etwa für journalistische Zwecke nutzen will, muss sich das hingegen seit der Änderung des Luftverkehrsgesetzes 2012 behördlich genehmigen lassen und zahlreiche Auflagen einhalten.

Quadro- und Oktokopter, die auf der Veranstaltung gezeigt wurden.

(Bild: Stefan Krempl)

"Wir brauchen eine allgemeine Aufstiegserlaubnis", erklärte der Brandenburger Drohnenpilot Fabian Werba am Dienstag auf einer Veranstaltung von iRights.Lab sowie dem Vodafone-Institut für Gesellschaft und Kommunikation in Berlin. Die gelte in einigen Ländern zwar pauschal bis zu zwei Jahre. Besonders in Stadtstaaten müsse aber jeder Flug genehmigt werden, in Berlin ist gar innerhalb des S-Bahn-Rings in der Innenstadt eine Sondererlaubnis erforderlich.

Prinzipiell müssen gewerblich fliegende Drohnen den Datenschutz beachten. Die Flugobjekte dürfen nicht direkt über Menschen fliegen und nicht in Bereiche schauen, die sich dem normalen Betrachter von der Straße aus etwa durch eine Mauer entziehen. In der Dunkelheit ist ein Start verboten, Bilder dürfen höchstens mit einer Funkstärke von 25 mW gesendet werden.

Werba, der mit einer kleinen Produktionsfirma insbesondere fürs Fernsehen Kopter-Bilder anfertigt, macht daher "hauptsächlich Beauty-Shots", wie er sagt. Schöne Aufnahmen der Landschaft also etwa, die unter anderem von oben zeigen, "wie groß etwas ist". Aufnahmen für aktuelle Nachrichten scheiterten dagegen regelmäßig am Bürokratieaufwand und nicht einzuhaltenden Auflagen.

Für den Drohnen-Blogger zeichnet sich damit ab, dass die Fluggeräte ihren Siegeszug im Journalismus eher über Guerilla-Taktiken feiern werden. Während einer Straßenschlacht am 1. Mai in Kreuzberg etwa "geht einer hoch, verkauft das Material und keiner weiß dann, wer das gedreht hat", schildert Werba ein Szenario. Dabei sei natürlich wichtig, das aufgenommene Material live aufs Mobiltelefon zu übertragen, falls der Kopter von der Polizei abgeschossen oder anderweitig heruntergeholt werde.

"Das Potenzial für Live-Berichte ist da", glaubt auch der Daten- und "Drohnenjournalist" Lorenz Matzat. Bei einem Castor-Einsatz etwa könne ein Kopter Reportern helfen, sich ein Bild der Lage zu verschaffen. Verluste der Späher in der Luft seien angesichts des rasanten Preisverfalls der Technik zu verschmerzen. Matzat selbst agiert derzeit mit einer "35-Euro-Drohne" Marke Eigenbau. Für etwas mehr Geld gebe es bereits einen vorgefertigten "Klapp-Kopter für den Rucksack mit 4K-Auflösung", der mit Akkus nicht mehr als 800 Gramm wiege.

"Da kann man schon mal zehn Drohnen losschicken", weiß der Medienvertreter. "Wenn drei zurückkommen, lohnt sich das wohl schon etwa im Paparazzi-Bereich." Andere Einsatzgebiete sieht er etwa darin, Atomkraftwerke oder Müllverbrennungsanlagen mit Koptern abzufliegen, die mit Sensoren ausgerüstet sind. Diese könnten dann offizielle Messwerte überprüfen. Ein dafür etwa benötigter "fliegender Geigerzähler" lasse sich heute schon für 150 Euro zusammenschrauben.

Drohnen hält Matzat für ein gutes Werkzeug, um investigativ zu arbeiten. Damit könne man in Gebiete eindringen, "die eigentlich nicht zugänglich sind". In fünf bis zehn Jahren sieht der Experte ganze Kopterschwärme am Himmel, die hochauflösende Gesamtbilder von einer Stadt im Kameraverbund lieferten und mithilfe der Solarenergie bei Tageslicht ständig in der Luft bleiben könnten. Neben Medienvetretern würden dann vermutlich auch die Feuerwehr oder die Polizei als erstes Drohnen zu einem Einsatzort schicken. Derzeit seien aus technischer Sicht die Akkus noch die größte Hürde, da diese standardmäßig nicht länger als zehn bis zwanzig Minuten hielten.

Weiter in der Zukunft rechnet Matzat damit, dass "automatisierter Journalismus" in vielen Teilen der Berichterstattung einziehen wird. Roboter sammelten dann Informationen, die mithilfe geeigneter Algorithmen dann ebenfalls maschinell zusammengestellt würden.

Max Ruppert, Mitarbeiter der Hochschule der Medien Stuttgart, denkt derweil über "reine Kopter-Formate" nach. Der Begriff "Drohne" missfällt ihm, da man sich damit "gleich Afghanistan, Irak und das Drohnendebakel de Maizierès" mit einkaufe. Zusammen mit seinem Blogger-Kollegen Werba hat er die Idee ausgeheckt, etwa einen Jogger im Wald von einer nebenher fliegenden Kamera zu begleiten und von sich erzählen zu lassen. Sonst sei derzeit die Katastrophenberichterstattung mit Koptern stilbildend, wie es etwa CNN nach dem Taifun auf den Philippinen vorgemacht habe.

Drohnenjournalismus hat für Ruppert immer "etwas mit Grenzüberschreitung zu tun". Letztlich führe die weitere Eroberung des Luftraums mit der Kamera zu einem "göttlichen" Blick auf die Welt. Im derzeitigen Bewegtbild-Journalismus werde dieses Stilmittel mit "hohem ästhetischen Faktor" aber oft noch ohne Konzept eingesetzt. Viele Fernsehmacher berücksichtigen noch nicht, dass jede Einstellung damit deutlich mehr Zeit benötige. Die Technik hält er mittlerweile für erschwinglich: An Stuttgarter Unis laufe ein Projekt, über das sich ein Quadroid mit Arduino-Platine und Android-Steuerung "für 250 Euro aus dem Internet" zusammenstellen lasse. (Stefan Krempl) / (anw)

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