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Ist DRM am Ende?

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Unter allgemeinem Applaus hat Apple endlich angekündigt, für den iTunes Store künftig bei Titeln aller großen Labels auf digitalen Kopierschutz zu verzichten. Zuvor hatte sich der Computerriese mit den drei Majors Sony, Universal und Warner auf ein variables Preismodell verständigt, um das es monatelangen Streit gegeben hatte. Die drei Branchengrößen wollten sich Vorreiter EMI nicht ohne weiteres anschließen, das britische Label hatte schon im Frühjahr 2007 auf digitales Rechtemanagement (DRM) verzichtet. Auch der deutsche Anbieter Musicload folgt dem Beispiel. Bei anderen Anbietern wie Akuma gibt es ohnehin nur kopierschutzfreie Musik, ebenso bei Amazon.com – allerdings noch nicht in Deutschland.

Der Beifall ist durchaus berechtigt, denn für den digitalen Musikvertrieb ist der weitgehende DRM-Verzicht des Marktführers ein Durchbruch. Doch ist DRM damit längst nicht Geschichte. In der Film- und Spielebranche gedeihen die ausgeklügelten und nicht immer fehlerfreien Systeme weiter prächtig. Das Argument der Inhalteanbieter, der digitale Schild diene dem Schutz vor illegalen Kopien, ist dabei nur eine Seite der Medaille. Es geht auch um die Kontrolle des Produkts: Im Idealfall lässt sich diese mittels DRM auch weit über den Punkt des Verkaufs hinaus ausüben.

Auch im Streit um DRM-freie Musik zwischen Apple und den Majors ging es um Kontrolle: Apple hatte mit dem bei iTunes üblichen Einheitspreis die Kontrolle über ein wichtiges Marketinginstrument. Für diesen neuen Spielraum bei der Preisgestaltung verzichtet die Musikindustrie auf DRM. Bezahlen soll das unter anderem der Verbraucher. Denn die flexible Preisstruktur wird unter anderem bedeuten, dass aktuelle Hits teurer werden als bisher. Man muss kein Brancheninsider sein, um sich zu fragen, ob so die Rettung der Musikindustrie aussieht.

Derweil bleiben digitale Kontrollsysteme auch bei Apple im Einsatz. Die einzelnen Songs werden zwar nicht mehr mit dem hauseigenen DRM FairPlay ausgeliefert, doch behält der Konzern mit anderen Mitteln die Kontrolle über das Umfeld: iTunes bleibt eine geschlossene, auf den iPod ausgerichtete Plattform. Wer etwa den Player eines anderen Herstellers mit iTunes synchronisieren will, muss schon in die Trickkiste greifen. Apple wird den Schutz seiner marktführenden Plattform auch kaum aufgeben wollen.

Denn wie die Film- und Musikindustrie, deren Produkte über das Netz leicht international vertrieben werden könnten, hat auch der Retailer Apple ein Interesse an der künstlichen Parzellierung des Markts. DRM mag sich nun endgültig als Auslaufmodell entpuppen, doch die Industrie kennt andere Formen der Kontrolle. Mit vielfältigen technischen Tricks – Ländercodes auf DVDs, IP-Sperren bei Online-Shops, DRM-kontrollierten Schnittstellen an Elektronikgeräten – übt die Industrie eine weitgehende Kontrolle aus und schränkt die Möglichkeiten des Verbrauchers ein.

Der stört sich an den unsichtbaren digitalen Fesseln in der Regel erst, wenn ein Anbieter mal seine DRM-Server abschaltet und die ganze legale Musik auf der Festplatte plötzlich unbrauchbar ist. Solange das System funktioniert, scheint es die Mehrheit der Kunden nicht zu stören – was auch der Erfolg von iTunes beweist, den Amazon trotz DRM-Verzicht noch nicht ernsthaft bedrängen konnte. Die Frage, ob DRM oder nicht, spielt offenbar nur eine untergeordnete Rolle. Das Erfolgsrezept für Online-Musik heißt: Problemloser Zugang, große Auswahl, niedriger Preis. Bei der Zugangsfrage hilft der DRM-Verzicht, auch wenn sich die Inhalte-Industrie mit anderen Beschränkungen weiter selbst im Weg steht. (vbr)