Menü

"Jedes Leben passt auf ein Terabyte" -- zum 70. Geburtstag von Gordon Bell

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 198 Beiträge

Mit dem flotten Satz "Jedes Leben passt auf ein Terabyte" wurde Gordon Bell mit seinem MyLifeBits-Projekt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Doch sprengt sein eigenes Leben als Computerpionier locker die Terabyte-Grenze, wenn wirklich alle Bell-Projekte digitalisiert wären.

Gordon Bell wurde am 19. August 1934 in Kirksville im amerikanischen Bundesstaat Missouri geboren. Er studierte am Massachusetts Institute of Technology (MIT) Elektrotechnik und arbeitete nach seinem Master of Science 1957 am Engineering Speech Communications Laboratory des MIT. Dort lernte er Ken Olson und Harlan Anderson kennen, die 1959 das MIT verließen, um die Firma DEC zu gründen. Sie holten Gordon Bell 1960 in ihre Firma, mit dem Auftrag, den Minicomputer Program Data Processor (PDP) zu konstruieren. Zusammen mit Alan Kotok entwickelte er den PDP-6, den ersten "großen" Computer von DEC, speziell angepasst an die Erfordernisse des MIT. DEC baute einige PDP-6, die jedoch viele elektrostatische Probleme hatten und niemals zuverlässig liefen. Die erste PDP-6 schenkte DEC dem MIT-Professor Marvin Minsky, der mit ihr das Labor für Künstliche Intelligenz (AI Lab) aufbaute. Aus den Erfahrungen mit dem PDP-6 schlau geworden, entwickelten Bell, Kotok, Hastings und Hill die PDP-10, den erfolgreichsten Minicomputer seiner Zeit, der zusammen mit dem völlig offenen Incompatible Time-sharing System (ITS) in die Hacker-Folklore eingegangen ist.

1966 verließ Bell DEC, um an der Carnegie-Mellon University den Studiengang Computer Science auszubauen. Bell lud Alan Kay ein, dort sein Dynabook zu erforschen, der jedoch dem PARC von Xerox den Vorzug gab. Bell selbst wurde von DEC 1972 zurückgeholt, um als Vize-Präsident die Konstruktion der nächsten Computergeneration zu leiten: die Virtual Adress Extension Computers, besser bekannt als VAX. Die Reihe wurde eine der erfolgreichsten Computersysteme überhaupt, die heute noch viele Anhänger hat. Gordon Bell blieb bis 1983 bei DEC; er wurde nach einem Herzinfarkt pensioniert. Das hinderte ihn nicht daran, weitere Computerfirmen wie die Encore Computer Corporation, Stardent Computer, Ardent und die Bell-Mason Group zu gründen, Letztere ein Software-Unternehmen, das Programme zur Bewertung von Startup-Firmen vertreibt.

Im Jahre 1986 wurde Gordon Bell als Fachmann für Computerfragen in das Direktorat der National Science Foundation berufen, wo er den Plan für das "nächste" Computernetz (NREN) nach dem Arpanet vorstellte, aus dem sich die Kommerzialisierung des Internet entwickelte, aber auch die Trends zum Supercomputing und dem Rechner-Grid entstanden. Aus der Beschäftigung mit diesem Thema entsprang der von Bell gestiftete "Gordon Bell Prize", der jährlich in Kategorien wie Leistung, Preis/Leistung und parallelisierende Compiler verliehen wird. Außerdem stiftete der historisch interessierte Bell den Grundstock für das Computer History Museum.

Nach den Superrechnern wandte sich der stets an neuen Projekten bastelnde Bell der Telepräsenz und der Telearbeit zu, die ihn als "Ehrenforscher" am kalifornischen Forschungszentrum von Microsoft zu dem eingangs erwähnten MyLifeBits beitragen lässt. Die Idee ist es, in der Tradition des Memex von Vannevar Bush, die vielfältigen Interessen und Erinnerungen von Menschen, in diesem Fall von Gordon Bell, zu digitalisieren. Bell möchte als der erste Mensch in die Geschichte eingehen, der papierlos lebend dennoch eine lückenlose Lebensdokumentation hinterlässt. 10 bis 15 Jahre sollen indes noch nötig sein, das Lebenswerk von Bell zu speichern. (Detlef Borchers) / (jk)

Anzeige
Anzeige