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Jelbi: BVG will übergreifende Mobilitäts-App für Berlin im Sommer starten

Die BVG und der Mobilitätsexperte Trafi entwickeln die App Jelbi, mit der Nutzer Tickets kaufen, Leihwagen oder -Fahrräder mieten und Taxis rufen können.

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Jelbi: BVG will übergreifende Mobilitäts-App für Berlin im Sommer starten

Wer ohne eigenes Auto mit den verschiedensten Verkehrsmitteln durch Berlin navigieren will, soll dafür bald nur noch eine App auf dem Smartphone benötigen. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben am Montag angekündigt, "bis zum Sommer" die Mobilplattform Jelbi in die Handy-Stores von Apple und Google zu bringen. BVG-Chefin Sigrid Nikutta sprach von einem "wirklich großen Schritt" für die Hauptstadt. Verkehrssenatorin Regine Günther erhofft sich davon, auch "der Luftverschmutzung und dem Klimawandel entgegenwirken" zu können und stärker vom Verkehrsträger Auto unabhängig zu werden.

25 Partner sind derzeit an Bord, die in einem seit Januar laufenden Verfahren ihre Interesse zur Teilnahme an dem Projekt erklärt haben. Dazu gehören die S-Bahn, Taxi Berlin, sieben Carsharing-Firmen, sechs Anbieter von Leihrädern und der E-Roller-Vermieter Emmy. Fürs Ridesharing wird neben dem Berlkönig, dem digitalen Rufbus von BVG und ViaVan, noch CleverShuttle eingebunden. Die Wohnungsbaugesellschaft Gewobag will mit "Mobilitäts-Hubs" einen Offline-Link anbieten, an dem Nutzer direkt auf Leihfahrzeuge umsteigen können. Ein erstes dieser Zentren soll in wenigen Monaten an der Gitschiner Straße in Kreuzberg an der U1 parat stehen.

Mobilitäts-App Jelbi (4 Bilder)

Die beiden mittlerweile kooperierenden Carsharing-Größen DriveNow und Car2Go von BMW und Daimler sind bisher nicht an Bord. Dies habe "individuelle Gründe", erklärte Henrik Haenecke, BVG-Vorstand für Finanzen, Vertrieb und Digitalisierung, vage. Er wünscht sich, dass beide noch aufspringen. Aber auch schon nach dem jetzigen Stand gehe das angestrebte "Bündnis für die Mobilität von morgen" weit über das hinaus, "was wir heute haben". Im Sommer sei es aber eh am besten, sich mit dem Fahrrad oder dem E-Scooter durch Berlin zu bewegen. Letztere kämen dazu, sobald sie für den öffentlichen Raum zugelassen würden.

Über Jelbi, das im Namen die BVG-Farbe Gelb auf Berlinerisch widerspiegelt, sollen Räder von DB Call a Bike, Donkey Republic, Jump, Lime, Mobike und Nextbike gemietet und entriegelt werden können. Voriges Jahr wollten noch acht Bikesharing-Anbieter Berliner und Touristen in Bewegung setzen, die in einem c't-Test nicht alle überzeugen konnten. Obike aus Singapur ist inzwischen pleite. Der chinesische Anbieter Ofo hat an der Spree ebenfalls aufgegeben. Beim Carsharing sind derzeit Cambio, DB Flinkster, Greenwheels, Miles, Mobileeee, Stadtmobil Berlin und Ubeeqo von Europcar vertreten.

"Wir sehen uns als Marktplatz der Mobilität", unterstrich Haenecke den offenen Charakter der Initiative. "Wir bieten Jelbi im Rahmen unserer Möglichkeiten zu Selbstkosten an." Das Ganze sei zunächst als eine Art Forschungsprojekt mit einer Laufzeit bis Ende 2021 angelegt, werde sicher aber auch danach fortgeführt und neu ausgeschrieben. Geldverdienen stehe für die BVG nicht im Mittelpunkt, es werde da generell in keine Richtung etwas fließen jenseits der direkt getätigten Umsätze.

Für den Verkehrsbetrieb ist es laut dem Vorstandsmitglied vor allem spannend zu erfahren, "was machen die Kunden außerhalb der BVG". Dazu habe man bislang nur wenig Bewegungsdaten. Die Hoheit über die erzeugten Nutzerinformationen liege bei dem Unternehmen, das als "neutraler Integrator" fungiere. Prinzipiell wolle man alle einbinden, "die dafür sorgen, dass Sie sich ohne eigenen Pkw vorwärtsbewegen können".

Die Basistechnik für Jelbi liefert die litauische IT-Firma Trafi, die seit Ende Oktober an der Berliner Lösung und dem Einbau der Partner arbeitet. In seiner Heimatstadt Vilnius zeigt das Unternehmen bereits, wie moderne Navigation aussehen kann: Die dortige App findet die besten Pfade durch das Geflecht des Stadtverkehrs. Sie bezieht dabei alle verfügbaren Verkehrsmittel ein, kombiniert diese und macht Vorschläge unter Einbezug des lokalen Wetters, bucht die Fahrpreise ab und verwaltet die Tickets fürs Display.

Das System dahinter setzt nicht einfach nur auf die Fahrpläne der Öffis, sondern berücksichtigt auch die aktuelle Position der Busse und berechnet Verspätungen in Echtzeit. Ferner zeigt es die aktuelle Position von (Sammel-)Taxis und berechnet angesichts der Verkehrslage deren Eintreffen und auch deren Fahrtzeit zum Ziel.

Der Anbieter durfte in Wilna schon frühzeitig auf Standortdaten der Linienbusse zugreifen und konnte damit seinen Routing-Algorithmus erweitern. Auf der Plattform sind die Transportmittel quasi in Echtzeit zu verfolgen. Inzwischen betreibt Trafi vor Ort als Dienstleister für den öffentlichen Nahverkehr die Backend-Server, auf denen die Mobilitätsdaten aller zugehörigen Fahrzeuge verwaltet werden. Zu den Partnerstädten gehören inzwischen etwa auch Rio de Janeiro, Istanbul und Jakarta.

Bei der Vorstellung von Jelbi: BVG-Vorstandsmitglied Henrik Haenecke, Snezana Michaelis (Gewobag), BVG-Chefin Sigrid Nikutta und Verkehrssenatorin Regine Günther (v.l.n.r.)

Ähnlich wird dem Plan nach Jelbi funktionieren: "Die Kunden sollen sich das Angebot aussuchen, das für sie in der jetzigen Situation am besten passt", unterstrich Haenecke. Trafi könne dafür die Standortinformationen von BVG-Fahrzeugen nutzen, die auch für andere Dritte wie Apple, Google oder der Öffi-App verfügbar seien. Bei Bussen spricht der Manager dabei von "Solldaten", da diese alle 30 Sekunden Signal mit einer Übertragungszeit von bis zu 90 Sekunden aussendeten. Daraus berechne die BVG den vermutlichen Aufenthaltsort.

Alle von Trafi verwendeten Daten "liegen auf einem deutschen Server" und würden verschlüsselt sowie anonymisiert, versicherte der Deutschlandchef des Dienstleisters, Christof Schminke. Bewegungsdaten würden "entkoppelt vom Rest". Man versuche, über entpersonalisierte Informationen Verkehrsflüsse von Gruppen und zugehörige Muster herauszufinden. Die BVG müsse die Zahlungsdaten erheben und sicherstellen, dass "ein 13-Jähriger nicht ein Auto benutzen darf". Der Verkehrsbetrieb will für die Identitätsprüfung auf einem Schufa-Check setzen, bei Touristen ohne deutsches Bankkonto soll zumindest das Ausfallrisiko über eine Kreditkarte abgedeckt werden.

Zu den Trafi-Wettbewerbern zählt Moovel. Die Firma ist bisher in Hamburg und Stuttgart aktiv und liefert die Technik für eigene städtische Anwendungen in Aschaffenburg, Düsseldorf und Karlsruhe. Die große Koalition hat derweil verabredet, eine offene "digitale Mobilitätsplattform" zu schaffen. Laut dem schwarz-roten Fahrplan sollen über eine App das Auto, der ÖPNV, E-Bikes, Car- und Ride Sharing oder Ruftaxen benutzerfreundlich miteinander vernetzt werden. Seitdem hat man davon aber wenig gehört. (jk)