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Jobs im Umweltschutz: Die Zukunft der Arbeit ist grün

Am Arbeitsmarkt findet eine Verschiebung in Richtung nachhaltiger Wirtschaft statt. Umweltaspekte tauchen in immer mehr Berufen auf.

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Kathy Rüdiger ist Entwicklungsingenieurin bei Vaillant, einem Hersteller von Heizungen. Die junge Frau testet Wärmepumpen, sie hat Versorgungs- und Umwelttechnik studiert. Alvar Eylers ist Finanzierungsspezialist bei Senvion, einem der großen deutschen Windanlagenbauer. Der Bankkaufmann sorgt dafür, dass Kunden der Anlagen Banken finden, die die Projekte finanzieren. Das kann eine einzelne Windenergieanlage sein oder ein ganzer Windpark mit mehreren hundert Windrädern.

Martin Lips wiederum ist Netzplaner bei der Bundesnetzagentur, einer Behörde im Bundeswirtschaftsministerium. Die soll für fairen Wettbewerb im Elektrizitätsmarkt sorgen. Der Elektroingenieur berechnet, wie die Höchstspannungsnetze der Zukunft ausgelegt sein müssen. Die drei Beispiele für Berufe im Umweltschutz stehen auf der Seite www.energiewende-schaffen.de, einer Initiative des Wissenschaftsladens Bonn, gefördert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und der Robert Bosch Stiftung. "Sie soll über die beruflichen Möglichkeiten der Energiewende informieren“, sagt Projektleiter und Fachmann für grüne Jobs, Krischan Ostenrath. Der Wissenschaftsladen Bonn beschäftigt sich mit Arbeitsmärkten und Berufsorientierung im gesellschaftlichen und ökologischen Bereich.

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Das Umweltbundesamt hat Anfang April 2019 die Zahlen für die Beschäftigten im Umweltschutz in Deutschland veröffentlicht. Danach waren im Jahr 2014 fast 2,7 Millionen Personen im Umweltschutz tätig. Mit einem Anteil von 6,3 Prozent an allen Erwerbstätigen sei der Umweltschutz ein wichtiger, in seiner Bedeutung stabiler Faktor für den gesamten Arbeitsmarkt, teilt die Behörde mit. Gegenüber 2002 hat sich die Anzahl der Beschäftigten im Umweltschutz fast verdoppelt. Aktuellere Zahlen als die von 2014 gibt es nicht.

Ostenrath geht von einem jährlichen Personalzuwachs im Umweltschutz von mindestens fünf Prozent aus. "Das ist im Vergleich zu anderen Branchen viel – und das seit Jahren ziemlich konstant, was zeigt, dass das Potential noch nicht ausgeschöpft ist.“ Markttreiber sind häufig strengere Gesetze in Deutschland und teilweise auch in Europa. Der Mann vom Wissenschaftsladen schätzt, dass aktuell um die 3,2 Millionen Menschen im Umweltschutz tätig sind.

Die Umweltbranche ist stark exportorientiert. Bis vor etwa vier Jahren waren Solaranlagen und Windenergie die Exportschlager dieser Industrie. Mittlerweile hat Deutschland die Technologieführerschaft abgegeben, etwa in der Photovoltaik. "Andere Nationen haben aufgeholt. In Fernost werden die Module für Photovoltaikanlagen günstiger produziert als bei uns, deshalb mussten neue Werke schließen, die im Osten Deutschland gebaut wurden“, sagt Ostenrath. Mit Wasseraufbereitung und im Recycling sei die deutsche Umweltindustrie weiterhin sehr gut im Rennen und stark im Export.

Der Arbeitsmarkt Umweltschutz in Deutschland wird von der Technik dominiert. Das Gros der Mitarbeiter und gesuchten Leute sind Ingenieure, Techniker und vor allem Handwerker. Die Grüne ist eine breite Arbeitswelt von der Agrarindustrie über Architektur und Gebäudetechnik bis hin zur Wasserwirtschaft, dem Recycling und erneuerbaren Energien. "Der Umweltschutz spricht jede Berufsgruppe als potentiellen Mitarbeiter an“, sagt Ostenrath. Ob nun Bankkaufmann oder Ingenieur: es gehe nicht darum, was man gelernt hat, sondern wo man hinwolle. Ein Ingenieur oder Bankkaufmann kann in traditionellen Branchen arbeiten, oder eben im Umweltschutz. "Die Zukunft der Arbeit ist grün“, davon ist Ostenrath überzeugt.

Er geht davon aus, dass Nachhaltigkeit weiter an Bedeutung gewinnt und deshalb die Steigerungsraten in der Beschäftigung sich noch Jahre auf hohem Niveau fortsetzen. Im Recruiting sind die Unternehmen der Branche im Vorteil: "Mehrere Studien und Promotionen belegen, dass sich nachhaltige Stellen leichter besetzen lassen“, sagt Ostenrath. Vor allem junge Leute haben Interesse an Jobs im Umweltschutz.

Dabei ist die Branche gar keine junge, sondern eine etablierte. Der Studiengang Umweltschutztechnik an der Universität Stuttgart feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges. Das Studienfach Umweltinformatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin gibt es seit 2001. Es wird als Bachelor- und Masterstudiengang angeboten, Professor Jochen Wittman ist dessen Studiengangsprecher. "Unsere Absolventen sind Informatiker mit dem Anwendungsfall Umwelt.“ Die Studenten sind weniger die klassisch Grünen, sondern eher Technikbegeisterte, die der Umwelt etwas Gutes tun wollen.

In Folge des Bolognaprozesses 1999, für den Studiengänge und -abschlüsse europaweit vereinheitlich wurden, entstanden spezielle Studiengänge wie die Umweltinformatik. Nach Meinung von Wittmann gewinnen Themen wie Umweltinformatik zunehmend an Wichtigkeit in der Wirtschaft und Industrie, wodurch sowohl der Studiengang per se an Bedeutung gewinnt als dass auch dessen Inhalte sich in anderen Studiengängen ausbreiten.

Das ist notwendig, weil in den Tätigkeitsanforderungen von Berufen Umweltkenntnisse deutlich ansteigen, wie Markus Janser herausgefunden hat. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Janser forscht daran, wie sich Berufe mit der Zeit verändern, etwa in den Kompetenzbeschreibungen von "Berufenet", einer Datenbank, in der Tätigkeiten beschrieben werden.

"Umweltaspekte tauchen in immer mehr Berufen auf“, sagt Janser. Während 2012 von allen Beschäftigten etwa 6 Millionen in Berufen mit Umweltschutzanteilen gearbeitet hatten, sind es 2016 schon rund 300.000 mehr gewesen. Etwa ein Viertel aller Berufe haben inzwischen mindestens einen Umweltaspekt in den Anforderungsbeschreibungen. Das bedeutet laut Janser: "Am Arbeitsmarkt findet bei den Tätigkeitsanforderungen eine Erweiterung in Richtung nachhaltiger Wirtschaft statt.“

Umweltschutz breitet sich in den Berufen aus. Die große Veränderung spielt sich in der Breite, also in vielen, nicht einzelnen Berufen ab. "Wir sind erst am Anfang dieser Entwicklung“, sagt Janser. Das bedeutet: Umweltschutz wird für den Arbeitsmarkt immer wichtiger werden. (axk)