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"Joker": Der gedemütigte Clown im verfilmten Comic-Klassiker

Mal was Anderes: Eine Comic-Verfilmung für Erwachsene. Damit kommen offenbar nicht alle gut klar.

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(Bild: Warner Bros.)

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Dieser Joker ist eine Herausforderung. Nicht für Batman, das kommt später, sondern für den Zuschauer. Der Joker ist ein Klassiker: von Cesar Romero über Jack Nicholson und Heath Ledger bis Jared Leto haben dieser Karikatur eines Bösewichts schon viele Schauspieler ihr Gesicht geliehen. Joaquin Phoenix verleiht dem Joker eine Seele – und lässt uns tief in deren Abgründe blicken.

Diese Origin-Story des Batman-Erzfeinds weicht vom Kanon ab. Arthur Fleck (Joaquin Phoenix), wie der der Joker in dieser Geschichte heißt, ist ein vom Leben gezeichneter Einzelgänger, der noch bei Mutti lebt. Er schlägt sich mit seinem Job als Straßenclown mehr schlecht als recht durch. Sein Traum: Es als Standup Comedian zu schaffen und einmal in der Late-Night-Show von Murray Franklin (Robert De Niro) auftreten. Sein Problem: Er ist nicht besonders witzig.

Regisseur Todd Phillips ("Hangover") hatte die Idee, diesen Joker etwas anders aufzuziehen, als man es von einem DC Franchise erwarten würde. Sein mit Co-Autor Scott Silver verfasstes Drehbuch greift ein Motiv der Graphic Novel "Batman: The Killing Joke" von Alan Moore und Brian Bolland auf, erzählt aber eine eigene Geschichte.

Der Trailer zu "Joker" (Quelle: Warner Bros. DE)

In der gibt es kein Säurefass als Katalysator für die Genesis des Batman-Antagonisten. Der Zuschauer wird Zeuge von Arthur Flecks langsamer, schmerzvoller Häutung, bis sich die angestaute Wut von Jahrzehnten in einem explosiven Akt der Brutalität entlädt. Joaquin Phoenix verleiht Arthur dabei eine emotionale Bandbreite, die man in dem Genre nicht unbedingt erwartet.

Überhaupt ist "Joker" voller Überraschungen – und kleiner Verbeugungen. Philipps, in dessen anarchisch-pubertären "Hangover"-Filmen sich schon eine sehr dunkle Seele offenbarte, lässt sich für das Gotham City der 1980er Jahre von ein paar New-York-Klassikern inspirieren: "Joker" wirkt wie ein Amalgam aus Martin Scorseses "Mean Streets", "Taxi Driver" und "King of Comedy", nur mit Abel Ferrara auf dem Regiestuhl.

Das Gotham City von Arthur Fleck ist am Ende. Wie im New York der 80er strotzt die Stadt vor Dreck, Korruption und Gewalt. Halt geben ihm die Beziehung zu seiner Mutter (Frances Conroy), die er liebevoll pflegt, und sein Job. Als sich diese Stützen als trügerisch erweisen, beginnt Arthurs Wandlung. Bei einem Überfall in der U-Bahn hat der Clown seinen Bernhard-Goetz-Moment – und wird zum Helden der gebeutelten Stadt.

(Bild: Warner Bros.)

Der Joker, ein Held? Das scheint einige zu überfordern. Zumindest legt das die hysterische Debatte nah, die in den USA über Jokers politics geführt wird: "Joker" als reaktionäre Ermächtigungsphantasie des White Trash America (Trump!). Offenbar ist es in diesen Zeiten leichter, überall diversity zu predigen, als Ambiguität auszuhalten. Die Jury des Filmfestivals von Venedig, die dem Film den Hauptpreis verlieh, hat sich von solchen Scheindebatten nicht beirren lassen.

Nach den eher mauen Superheldenfilmchen, die zuletzt unter dem DC-Banner ins Kino gekommen sind, ist "Joker" ein echter Lichtblick. Das Franchise steht unter neuem Management. Das hatte unter anderem die gute Idee, ein paar DC-Filme mit kleineren Budgets nicht unbedingt als Teil des DC Extended Universe zu machen – und einige Big-Budget-Projekte einzustellen. Das lässt hoffen: Auf ein paar mehr Comic-Filme für Erwachsene.

Wie es mit dem Joker im DC-Universum weitergeht, ist offen. Der geplante Film mit Jared Leto und Margot Robbie als Harley Quinn wurde gecancelt. Auch in "Suicide Squad 2" soll Leto nicht dabei sein. Eigentlich sind das gute Voraussetzungen. Nur leider hat Joaquin Phoenix offenbar keinen Bock auf ein Franchise. Er sollte aber schon mal an seiner Dankesrede für die Oscars schreiben.

"Joker". USA 2019. Regie: Todd Philipps. Buch: Todd Philipps, Scott Silver. Kamera. Lawrence Sher. Mit: Joaquin Phoenix, Zazie Beetz, Frances Conroy, Robert De Niro, Brett Cullen. Ab 10. Oktober 2019 im Kino. (vbr)