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Joseph Weizenbaum: 30 Jahre Computerkritik

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"Computer sind wie alle Instrumente nicht wertfrei, sondern erben ihre Werte von der Gesellschaft, in der sie eingebettet sind. In einer vernünftigen Gesellschaft erfüllen sie möglicherweise viele nützliche Funktionen, doch bis dahin müssen sie kritisch betrachtet werden. In einer hoch militarisierten Gesellschaft, wie es die USA jetzt sind, sind sie Mordinstrumente." Heute wird Joe Weizenbaum 80 Jahre alt und gibt sich kämpferisch wie immer. Der emeritierte Professor für Computer Science geht keinem Zwist aus dem Wege und nimmt jede Einladung zu Vorträgen an. "Ich weiß, manche laden mich ein, weil sie provokante Sachen hören wollen, so etwas wie dass Schulen am Netz ein großer Unsinn sind, aber das ist mir egal. Das ist meine politische Arbeit, die ich noch machen kann," erklärt Weizenbaum im Geburtstags-Interview mit heise online.

Joseph Weizenbaum wird am 8. Januar 1923 als zweiter Sohn des Kürschnermeisters Jechiel Weizenbaum in Berlin geboren. Im Jahre 1936 emigriert die Familie in die USA, wo Weizenbaum erst Mathematik studiert und sich frühzeitig an der Wayne University Detroit mit dem Bau von Computern beschäftigt. 1950 beteiligt sich Weizenbaum an der Konstruktion eines Computers, der für den Test von Raketen-Waffensystemen der U.S. Navy bestimmt ist. Danach programmiert er ein Betriebssystem für die Bendix Aviation Company, eher er bei General Electric von 1955 bis 1963 ERMA entwickelt, das erste Computer-Banksystem seiner Zeit.

1963 beginnt die akademische Karriere von Joseph Weizenbaum am Massachusetts Institute of Technology, wo er ab 1970 als Professor für Computer Science arbeitet. Erste Meriten erwirbt er sich mit Studien zu SLIP (Symmetric List Processor), einer Konkurrenz zu LISP. Der Durchbruch kommt, als er auf diesen Studien aufbauend ELIZA entwickelt, A Computer Program for the Study of Natural Language Communication Between Man and Machine, von dem es heute zahlreiche Nachfolgerinnen wie Alice gibt.

In der Folgezeit entwickelt sich Joseph Weizenbaum vom Computerwissenschaftler zum Computerkritiker und folgerichtig zum Kritiker einer Gesellschaft, die solche Computer produziert. Der fulminante Einstieg in diesen Bereich lässt sich auf den Januar 1972 datieren, als in der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit Weizenbaums Alptraum Computer erscheint, eine Abrechnung mit der Computertechnik, der KI-Forschung und dem Mythos vom fehlerfreien Programmieren. Aus diesem Ansatz entsteht 1976 das Hauptwerk von Joseph Weizenbaum, Computer Power and Human Reason, das auf Deutsch unter dem kuriosen Titel Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft erscheint.

Derzeit lebt Joseph Weizenbaum in einer kleinen Wohnung in Berlin. "Aber nicht als Zurückgekehrter in die Heimat, das ist Bullshit. Ich habe keine Heimat. In den USA gibt es das Wort nicht, nur Hometown, und wer dort bleibt, hat selbst Schuld. Ich hätte gerne beim Zusammenbruch hier gelebt, mit all den Chancen. Aber 1957, als ich nach Deutschland kam, war es nicht so toll." Dennoch kommt er in Deutschland und Europa zu späten Ehren. 1998 bekommt er den Ehrendoktor der Universität Bremen und den Preis der kritischen Informatiker des FIfF, im September 2001 das große Bundesverdienstkreuz. 2002 ist es der tschechische Preis der Havel-Stiftung. Am 15. Januar wird Joseph Weizenbaum im Rahmen eines Festkolloquiums die Ehrendoktorwürde des Fachbereichs Informatik der Universität Hamburg verliehen. (Detlef Borchers) / (anw)