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Journalisten und Blogger gegen den Datentrash

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Unter dem Slogan "Journalismus zwischen Morgen und Grauen" hat das Netzwerk Recherche in Hamburg seine 8. Jahrestagung veranstaltet. Festredner Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung) rief die investigativen Journalisten dazu auf (PDF-Datei), gemeinsam mit den Amateur-Bloggern das Internet als Chance zu begreifen und den Datentrash zu bekämpfen. Seine Zunft neige dazu, die aktuelle Situation schlecht zu schreiben und das Geschriebene auch noch zu glauben. Stattdessen sollten vielmehr die Vorteile der Situation gesehen werden: Der Amateur-Journalismus biete Chancen für eine fruchtbare Zusammenarbeit und sei ein demokratischer Gewinn. Gerade in Zeiten, in denen mit dem BKA-Gesetz, der Vorratsdatenspeicherung und den Gesetzen zur Überwachung der Telekommunikation die Pressefreiheit ausgehöhlt werde, müsse die Pressefreiheit von allen verteidigt werden. Prantl erhielt ausgiebigen Beifall.

Einen weiteren Höhepunkt erlebte die zweitägige Veranstaltung mit der Verleihung der verschlossenen Auster, dem Negativpreis für den Informationsblockierer des Jahres. Ausgezeichnet wurde diesmal der Bundesverband deutscher Banken, der die Anforderungen als Preisträger übererfüllt habe, wie Laudator Rudolf Hickel betonte. Der Verband habe nicht nur Informationen vorenthalten, sondern auch Fehlinformationen und Halbwahrheiten zur Finanzkrise verbreitet. Wie zuletzt Otto Schily, Preisträger des Jahres 2002, nahm der Verband den Preis an. Schily hatte seinerzeit die versammelten Journalisten als Nichtskönner und Ignoranten beschimpft und war dann aus dem Saal gestürmt; der Verbandsgeschäftsführer Manfred Weber hielt nun eine lange Dankesrede, die den Zeitplan der Tagung sprengte. Dabei bezeichnete er das Kommunikationsverhalten einiger Banken als "unglücklich".

Kontrovers wurde ein Arbeitspapier über Minimalstandards diskutiert, die Journalisten bei der Online-Recherche einhalten sollen. Mit ihnen will das Netzwerk Recherche ein ähnliches Zeichen setzen wie mit seinem Medienkodex (PDF-Datei). Zehn Punkte sollen es sein, die jeder Journalist können und kennen muss, unter anderem Webbrowser als Basis-Werkzeuge der Online-Recherche beherrschen, Universalsuchmaschinen und deren erweiterte Suchfunktionen einsetzen und Wikipedia nicht als Quelle verwenden.

Einzelne Punkte dieser Minimalstandards setzen indes ein technisches Wissen voraus, das von Journalisten kritisiert wurde, die "keine IT-Profis werden" wollen. So heißt es in den Ausführungen zur Anonymisierung der Recherche: "Techniken und Programme der Anonymisierung (wie etwa TOR, Jondos, Proxies, Remailer) sind daher ein Muss für recherchierende Journalisten." Der Einsatz eines Computers dulde keine Kompromisse, wenn es um Informantenschutz und Wahrung der Pressefreiheit geht, so der Tenor.

Ob die Standards ein Zeichen setzen können, wird die Zukunft zeigen müssen. Aus der Gegenwart brachte eine muntere Diskussionsrunde um den PR-Skandal der Deutschen Bahn und Berlinpolis die Erkenntnis mit, dass der bekannteste Satz aus dem Medienkodex des Netzwerk Recherche eine neue Dimension bekommen hat: "Journalisten machen keine PR". Allerdings wurde dieser Datentrash nicht von investigativen Journalisten aufgedeckt, sondern von Lobbycontrol, einer zivilgesellschaftlichen Initiative. (Detlef Borchers) / (anw)

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