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KI-Konferenz: Selbstbewusst argumentierende Roboter nutzen das World Wide Web

Visionäre Ideen, langfristige Herausforderungen oder kontroverse Themen – die Szenarien der AAMAS-Konferenz erinnern an den Film "Das fünfte Element".

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(Bild: metamorworks/Shutterstock.com)

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Unter dem Titel „Blue Sky“ versammelt die Konferenz zu Autonomen Agenten und Multiagentensystemen, die am Freitag in Montréal zu Ende gegangen ist, Beiträge, die visionäre Ideen, langfristige Herausforderungen oder kontroverse Themen aufgreifen. Das Spektrum reichte diesmal von Szenarien, die an den Film "Das fünfte Element" erinnerten, über argumentierende und selbstbewusste Agenten zur Verschmelzung von Multiagentensystemen mit dem World Wide Web.

Amro Najjar (Umeå University) präsentierte zum Abschluss der AAMAS (Autonomous Agents and Multiagent Systems) in Montréal einen Ausblick auf die Städte der Zukunft, in denen nach Schätzungen der Vereinten Nationen im Jahr 2050 etwa 68 Prozent der Weltbevölkerung leben werden. Das erfordere neue Lösungen für den Transport von Gütern und Personen, bei denen unbemannte Fluggeräte (UAVs) eine zentrale Rolle spielen könnten. Neben der Rolle als fliegende Boten und vielleicht auch Chauffeure könnten sie außerdem die Luftqualität überwachen, Infrastrukturen, etwa für Kommunikation, bereitstellen oder Rettungseinsätze koordinieren.

Najjar listete einen Katalog von Forschungsfragen auf, die geklärt werden müssten, um ein solches Szenario zu realisieren. Solche Flugroboter müssten autonom und proaktiv agieren, ihre Aktionen koordinieren und ihr Verhalten erklären können, sagte er. Und natürlich müssten sie sicher und verlässlich sein. Die in der Diskussion geäußerten Zweifel an einem so massiven Einsatz von UAVs, der mit dem Risiko von Abstürzen verbunden und zudem energieaufwendiger wäre als der bodengebundene Verkehr, konnte er jedoch nicht ausräumen.

Die aufgeworfenen Fragen betreffen aber Agentensysteme generell. Robin Cohen und Mike Schaekermann von der kanadischen University of Waterloo etwa hatten Überlegungen angestellt, wie vertrauenswürdige Multiagentensysteme gestaltet werden müssten. Es reiche nicht aus, diese Systeme mit dem vorhandenen menschlichen Expertenwissen zu füttern, schließlich gebe es viele Fragen, die von Experten unterschiedlich beantwortet werden. Diese widersprüchlichen Informationen sollten daher als Input für Argumentationsmodule dienen, mit denen die Agenten ausgestattet werden könnten. Als Beispiel nannten die Forscher den Algorithmus ArgTrust. Ein solches Verfahren erlaube es den Nutzern zudem, die Gewichtungen beim Abwägen verschiedener Argumente ihren eigenen Präferenzen anzupassen.

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(Bild: agsandrew / shutterstock.com)

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Vertrauen ist wichtig, reicht aber allein nicht aus, wenn künstliche Agenten zu Gefährten des Menschen werden sollen. Gegenwärtig verlaufe die Interaktion mit solchen Agenten noch sehr asymmetrisch, sagte Budhitama Subagdja (Nanyang Technical University Singapore), weil ihnen ein Selbstbewusstsein fehle. Ein solches Konzept vom Selbst sei aber unerlässlich, um in einen realistischen, engen Kontakt mit Menschen zu treten. Dazu gehöre die Kenntnis der eigenen Identität, wozu etwa Name, Herkunft oder Alter zählten, sowie ein Bewusstsein des eigenen Körpers und der mentalen Verfassung. Entscheidend seien auch die Einbettung in soziale Beziehungen und ein Gedächtnis. Subagdja geht davon aus, dass verschiedene Ausprägungen des Selbstbewusstseins besser geeignet sind, Agententypen voneinander abzugrenzen, als verschiedene, schwer zu definierende Grade von Autonomie. Allerdings sei es eine große Herausforderung, dieses Konzept in Computercode umzusetzen.

Etwas greifbarer erscheinen dagegen die Überlegungen, die Andrei Ciortea (Universität St. Gallen) zum Verschmelzen von Multiagentensystemen mit dem World Wide Web anstellte. Das Web sei bislang überwiegend zum Austausch von Botschaften zwischen Agenten genutzt worden, die aktuellen Entwicklungen im Rahmen des „Web of Things“ erlaubten aber zunehmend die Einbettung von Systemen, die ihre physische Umgebung wahrnehmen und auf sie einwirken können. Diese Evolution hin zu "dynamischen, offenen und langlebigen Systemen" erforderten einen Brückenschlag zwischen den Forschungen zu Multiagentensystemen (MAS) und Webtechnologie. Der Vorschlag von Ciortea und seinem Forschungsteam besteht in der konzeptuellen Integration der Webarchitektur mit der Umgebungsdimension der MAS zu „Hypermedia MAS“. Wie sie in ihrer Studie ausführen, verstehen die Forscher darunter „sozio-technische Systeme, bestehend aus Menschen und autonomen Agenten in einer gemeinsamen, über das offene World Wide Web verteilten Hypermedia-Umgebung“. Die dafür erforderlichen Elemente seien bereits verfügbar. „Als wichtigsten nächsten Schritt sehen wir die Konstruktion ausgereifter, offener MAS-Technologie für das (moderne) Web“, schreiben sie.

Ob auf diese Weise dann zukünftig Drohnenschwärme in Städten gesteuert werden, Roboter sich in Talk-Shows mit Argumenten versorgen oder selbstbewusst jede weitere Kommunikation verweigern, wird sich zeigen. In jedem Fall, so der Eindruck nach fünf Tagen AAMAS, wird Agententechnologie in den kommenden Jahren noch für viel Veränderungen und Aufregung sorgen. (bme)