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KI-Wettrennen: "Europa hat sich mit der DSGVO ins Knie geschossen"

Die EU behindere sich selbst in der Forschung mit engen Schutzvorschriften, hieß es auf einer Konferenz in Berlin. Europäische Konzerne sehen das etwas anders.

KI-Wettrennen: "Europa hat sich mit der DSGVO ins Knie geschossen"

(Bild: Telefónica)

Unter internationalen Technikberatern kommt die neue Datenschutzgrundverordnung der (DSGVO) nicht gut an. "Deutschland und Europa haben sich mit der DSGVO ins Knie geschossen", meinte Pascal Finette, geschäftsführender Direktor des in Miami angesiedelten "Fastrack Institute" am Freitag in einer Diskussion über das globale Technikwettrennen im Telefónica-Basecamp in Berlin. Die USA und China erlangten damit einen großen Vorteil bei datengetriebener Technik wie Künstlicher Intelligenz (KI). Zuvor hatte der US-Investor und Mitgründer der umstrittenen Big-Data-Firma Palantir, Peter Thiel, die Verordnung bereits als "dummes Eigentor" der EU bezeichnet.

Auch Rechtswissenschaftler verweisen auf Unverträglichkeiten zwischen der DSGVO und KI, da Transparenzanforderungen teils nicht zu erfüllen seien und es bei automatisierten Entscheidungen ein Recht auf "menschliche Intervention" geben müsse. Die EU-Kommission sieht darin aber einen Vorteil auch für die Entwicklung etwa von KI, da Europa mit einem klaren ethischen Rahmen für Datenverarbeitungen punkte.

Finette hält wenig von derlei Restriktionen, zumindest im Wirtschaftsbereich. "Es ist mir egal, ob Google alles über mich weiß", erklärte der gebürtige Deutsche. Auch Mobilitätsanbietern etwa fürs Car- oder Bikesharing überlasse er gerne seine persönlichen Bewegungs- oder Finanzinformationen, solange er daraus einen Vorteil ziehe. Letztlich gehe es um viel bei den neuen Daten- und Biotechniken: "Wir werden Göttern sehr nahe kommen", glaubt der Beobachter. Mit der Genschere CRISPR entstünden umfassende Möglichkeiten zur Selbstoptimierung. Eines Tages dürften die Menschen zudem fähig sein, "ihre Gehirne mit der Cloud zu verbinden".

Besorgt zeigte sich Finette dagegen über andauernde staatliche Schnüffeleien und damit begünstigte "totalitäre Systeme", gegen die aber auch die DSGVO nichts ausrichte: Die NSA sammle nach wie vor "sämtliche Informationen weltweit", während China "Social Scoring" massiv vorantreibe. 20 Millionen Bürgern sei es auf der Basis dieser Vermessung der Bevölkerung schon verwehrt worden, Hochgeschwindigkeitszüge zu nutzen.

Auch im Bereich der spezialisierten Künstlichen Intelligenz, die nicht den Menschen generell zu überholen suche, verblieben in Europa viele Entwicklungschancen, wollte Finette die Situation in Europa letztlich doch nicht ganz schwarz malen. Aber auch hier werde es internationale Vorreiter geben wie den Google-Ableger Waymo bei autonomen Fahrzeugen, der die hiesigen Autobauer auf diesem Gebiet mit nicht mehr einzuholenden Trainingsstunden und sich exponentiell verbessernder Technik längst abgehängt habe.

"Es wird nicht einen einzigen Gewinner geben", hielt Jimmy Cliff, leitender Manager von Mobike Deutschland, dem entgegen. Allein im Bereich KI konkurrierten hunderttausende Algorithmen miteinander. Da gebe es kein Rennen mit klarer Ziellinie. Wichtig sei es aber durchaus, in welches Ökosystem Technik vor Ort eingebunden werde. Die Gesetzgebung spiele dabei nach wie vor eine wichtige Rolle. Die DSGVO betreffe prinzipiell jede Firma, die für europäische Nutzer erreichbar sei. Auch bei dem chinesischen Fahrradverleiher, den hiesige Aufsichtsbehörden in den Blick genommen haben, gelte die Verordnung als "Grundbedingung" für Datenverarbeitungen. Davon abhängig sei auch das Vertrauen, das Nutzer der Firma entgegenbrächten. Ob die DSGVO sich letztlich aber "als Desaster oder Vorteil" herausstellen werde, zeichne sich noch nicht ab.

In der EU gebe es einen festen "Konsens beim Datenschutz" sowie zu Transparenz und zur IT-Sicherheit, unterstrich der Chef von Telefónica Deutschland, Markus Haas. "Das sind unsere Werte, damit müssen wir leben." Der Telekommunikationskonzern arbeite daher weitgehend mit anonymisierten Daten. Generell strebten die Europäer und insbesondere die Deutschen nach "perfekten, sicheren Lösungen", während anderswo Testballons mit Betaversionen gestartet würden. Beides habe Vor- und Nachteile. Der Einzug der digitalen Technik ins traute Heim von Kindesbeinen an könne aber auch hier Einstellungen ändern. So lasse sich seine fünfjährige Tochter den "Räuber Hotzenplotz" von Alexa vorlesen, während sein drei Jahre älterer Nachwuchs dafür "noch selbst Lesen lernen musste".

"Mich stört es, wenn die Leute meine Daten nutzen und damit Geld machen", konstatierte Monika Lessl, Innovations- und Forschungschefin von Bayer. Sie wolle wissen, wie viel ihre persönlichen Informationen wert seien und was damit passiere. Es handle sich schließlich um eine "Währung" und "da möchte ich nicht zu viel zahlen". Parallel führe die Digitaltechnik und die damit ermöglichte Datenanalyse aber auch dank Fortschritten im Bereich Bilderkennung zu einer Revolution in der medizinischen Diagnose. Bayer stelle daher verstärkt Datenwissenschaftler für die Forschung ein. Wünschenswert sei es, wenn angesichts dieser Trends "jeder Programmieren schon in der Schule" lernen würde.

Techniken kämen ohnehin, "ob wir Angst davor haben oder nicht", befand Yang Tao, Geschäftsführer von Huawei Deutschland. Ein großer Markt wie China könne sicherlich helfen, bestimmte technische Entwicklungen durchzusetzen und eine Vorreiterrolle darin einzunehmen. Beim kommenden Mobilfunkstandard 5G dürfte aber das kleinere und damit bei Innovationen schlagkräftigere Südkorea anfangs die Nase vorn haben. Eine zentrale Steuerung von Technik durch Peking sei nicht immer hilfreich, da in diesem schnelllebigen Feld nicht alles planbar sei. (Stefan Krempl) / (anw)

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