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KI und Big Data: 34 Versicherungen nutzen automatisierte Entscheidungsprozesse

Big Data und Künstliche Intelligenz halten im Versicherungswesen Einzug, weiß das Finanzministerium. Kundendaten würden dabei aber nicht direkt veräußert.

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KI und Big Data: 34 Versicherungen nutzen automatisierte Entscheidungsprozesse

(Bild: Pixabay)

Der Versicherungssektor gilt als einer der Vorreiter beim Einsatz von Techniken zur Analyse großer Datenmengen und Künstlicher Intelligenz (KI). Vollautomatisiert sind bestimmte Entscheidungsprozesse bisher bei 34 von insgesamt 550 staatlich beaufsichtigten Versicherungsunternehmen, hat die Bundesregierung in einer jetzt veröffentlichten Antwort auf eine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion mitgeteilt. Dabei gehe es vor allem um Verfahren der Schadenbearbeitung oder der Risikoeinschätzung.

Die R+V-Versicherung etwa nutzt KI-Software, um tausende bei ihr eingehende Schreiben pro Tag etwa auf die Kundenzufriedenheit zu analysieren oder Personen beim Freischalten für ein eigenes Webportal zu prüfen. Mindestens vier weitere Versicherungen planen derzeit, ebenfalls auf komplett automatisierte Entscheidungsprozesse umzustellen.

Bestrebungen rund um Big Data und KI, die darüber hinausgehen, befinden sich laut Finanzministerium im Versicherungsbereich "derzeit noch in einem Erprobungs- oder Teststadium". Das größte Potenzial der Technik bestehe wohl "im Bereich Betrugserkennung und Prozessbeschleunigung".

"Black Boxes" etwa in Form von Modellen, bei denen selbst die wichtigsten Einflussfaktoren bei Einzelentscheidungen nicht mehr nachvollziehbar seien, ließen sich "mit den allgemeinen regulatorischen Anforderungen an eine wirksame und ordnungsgemäße Geschäftsorganisation sowie der Letztverantwortung der Geschäftsleitung nicht vereinbaren". Dagegen wäre "mit Instrumenten der Missstandsaufsicht" vorzugehen.

Bisher sei solch ein undurchsichtiger Einsatz von Algorithmen in dem Sektor aber nicht festgestellt worden. Weitere "neue Instrument, die dem Bedürfnis nach technischer Weiterentwicklung und dem Schutz der Privatsphäre jedes Einzelnen Rechnung" trügen, enthalte die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO).

Generell seien die Geschäftsmodelle von Versicherungsfirmen trotz verstärkter Digitalisierungs- und Automatisierungsbemühungen bislang "im Wesentlichen unverändert geblieben", schreibt die Regierung. So existiere auf dem deutschen Markt nach Einschätzung der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) derzeit kein Anbieter, der Kundendaten beziehungsweise Pakete von Informationen über seine Klientel "monetarisiert". Auch über den Verkauf von "hinreichend anonymisierten Datensätzen" an andere Versicherungsfirmen oder andere Unternehmen sei der BaFin nichts bekannt.

Elf Versicherer sind dem Finanzressort aber geläufig, die individuelle Telematik-Tarife in der Kfz-Versicherung anbieten, bei denen das Fahrverhalten überwacht wird. Dazu gehören beispielsweise die Allianz, Huk-Coburg, die Mercedes-Benz-Bank zusammen in Kooperation mit der HDI-Versicherung, Signal Iduna oder die Sparkassen-Versicherung. Datenschützer warnen, dass dabei sehr detaillierte, sensible Informationen erhoben und umfangreiche Bewegungsprofile erstellt werden können.

"Vereinzelt" gibt es laut der Regierung Bestrebungen auf dem deutschen Assekuranzmarkt, "das Angebot von Versicherungsprodukten mit bestimmten, oftmals präventiven Serviceleistungen zu verknüpfen". Ziel sei es insbesondere, damit die Kundenbindung zu erhöhen. Weiterhin sei die Möglichkeit, Versicherungen etwa für Reisen "on demand" zu offerieren, ausgebaut oder durch Apps fürs Smartphone digitalisiert worden.

Vier Startups, die neue technische Produkte im Versicherungsbereich anbieten, hat die BaFin der Antwort zufolge bisher in diesem und im vorigen Jahr die Erlaubnis zum Betrieb des Assekuranzgeschäfts erteilt. Die an die Kunden gerichteten Produkte dieser "InsurTechs" unterschieden sich momentan aber noch nicht von traditionellen Angeboten. Derlei neu gegründete Firmen setzten aber etwa bei der Antrags- und der Schadenbearbeitung in höherem Maße auf "moderne Technik".

"Manuelle Tätigkeiten sollen so weit wie möglich minimiert und der Automatisierungsgrad erhöht werden", weiß die Regierung. In der Regel laufe die Kommunikation mit Kunden und Außendienst über E-Mails und Nutzerkonten. Auf der Produktseite eröffnet die Digitalisierung neue Versicherungsfelder wie die "Cyberpolice" für Schäden oder Unfälle im IT-Bereich und Versicherungsangebote speziell für elektronische Geräte wie Mobiltelefone. Weitere Neuentwicklungen seien "situative Versicherungsprodukte", bei denen die Schutzweite kurzfristig angepasst werde. Diese Veränderungen seien aber "nicht den InsurTechs vorbehalten".

Die BaFin hat im Juni eine Studie zu "Herausforderungen und Implikationen von Finanzdienstleistungen" durch Big Data und KI herausgegeben, die Szenarien zum möglichen Einfluss dieser Techniken auf den Finanzmarkt und seine Akteure sowie potenzielle Implikationen für die Aufsicht entwickelt. Die Rückmeldungen aus einer dazu durchgeführten Konsultation würden derzeit ausgewertet, Ergebnisse im ersten Quartal 2019 veröffentlicht und eventueller Handlungsbedarf dann "adressiert", berichtet das Finanzministerium. Die BaFin werde diesen Bereich langfristig "ohne festes Enddatum" beobachten, da die technischen Umbrüche "Systemrelevanz" hätten. (anw)