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Kämpfer gegen das post-faktische Zeitalter: Zum Tode von Hans Rosling

Der schwedische Mediziner Hans Rosling war der Kopf hinter der Gapminder-Stiftung, die unter anderem komplexe Zusammenhänge visualisiert. Nun starb er im Alter von 68 Jahren.

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(Bild: Gapminder Foundation)

Im Alter von 68 Jahren ist der Mediziner und Statistiker Hans Rosling in Stockholm an den Folgen eines Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben. Rosling wurde durch seine Präsentationen bekannt, in denen er auf den Zusammenhang von extremer Armut und Krankheit hinwies, einen Teufelskreis, der nur durch weltweiten Kampf gegen die Armut durchbrochen werden kann. Mit der vor elf Jahren gegründeten Gapminder-Stiftung und der Visualisierungs-Software Trendalyzer versuchte er, die komplexen Zusammenhänge in zahlreichen Vorträgen zu vermitteln. Zuletzt wandte er sich gegen post-faktische Tendenzen, die Muttersterblichkeit in Flüchtlingslagern hochzurechnen.

Hans Rosling wurde von so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Fidel Castro und Bill Gates für seine analytischen Fähigkeiten gepriesen. In Kuba konnte er auf den Proteinmangel aufmerksam machen, unter dem die Gesundheit der Bevölkerung litt – was kubanische Ärzte nicht auszusprechen wagten. Für die Bill & Melinda Gates Foundation wies er mit wissenschaftlichen Belegen den Vorwurf zurück, ihr Kampf gegen Seuchen führe zur Übervölkerung und damit Verarmung der betroffenen Regionen.

Beispiel für eine Visualisierung. Sie soll den Zusammenhang zwischen Pro-Kopf-Einkommen und Lebenserwartung aufzeigen.

(Bild: Gapminder Foundation)

Nach einem Studium der Medizin und Tropenmedizin arbeitete Rosling als Amtsarzt in Mozambik, wo er den Ausbruch einer epidemischen Krankheit analysierte, die er Konzo nannte. Er konnte die Krankheit auf die fehlerhafte Verarbeitung der Maniokwurzel zurückführen, dem Hauptnahrungsmittel der Armen. Wird Maniok in Dürreperioden unzureichend gewässert beziehungsweise nicht gekocht, nehmen Menschen Glycoside auf, die zu Lähmungen führen.

Bei der Entwicklung von Gegenmitteln kam Rosling zu dem Schluss, dass nur der Kampf gegen die extreme Armut die Epidemie eindämmen kann. "Extreme Armut produziert Seuchen. Böse Kräfte walten hier: so beginnt Ebola, so versteckt Boko Haram Mädchen. So kommt es zum Ausbruch von Konzo", wird Rosling in einem Portrait von Nature zitiert, das kurz vor seinem Tode erschien.

Rosling begann danach darüber nachzudenken, wie sich die weltweiten Zusammenhänge besser vermitteln lassen. Nach seiner Ansicht waren Fachwissenschaftler zu eng an ihr Gebiet gekettet, Ökonomen an ihre Vorurteile, Politiker an ihre Wähler. Die Idee hinter der so entstehenden Gapminder-Stiftung war es, (öffentliche) Daten so zusammenzuführen, dass die Zusammenhänge visualisiert werden können. Die dafür zunächst von seinem Sohn Osla Rosling entwickelte Software Trendalyzer wird mittlerweile von Google weitergeführt und ausgebaut.

Hans Rosling beließ es nicht bei der Visualisierung, sondern entwickelte sich nach eigenen Worten zu einem "Edutainer", der auf zahllosen Konferenzen und Präsentationen die großen Zusammenhänge mit einfachsten Mitteln erklärte. Besonders bekannt wurde er mit einer Serie von Auftritten bei der Techno-Konferenz TED, die er vor zehn Jahren begann. Auch sein Vortrag Don't Panic über die Entwicklung der Weltbevölkerung ist in bleibender Erinnerung. In einem seiner letzten Vorträge vor seinem Tode beschäftigte er sich mit der Frage, wo die syrischen Flüchtlinge sind. (anw)