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Kampagne gegen Autorisierungs-Wahn

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Mit einer konzertierten Aktion großer deutscher Tageszeitungen machen heute Journalisten auf den zunehmenden Missbrauch der Autorisierung von Interviews aufmerksam. Ursprünglich gehörte es zum guten Ton im deutschsprachigen Raum, ein Interview dem Interviewten zum Gegenlesen zur Verfügung zu stellen. Aus dieser Praxis hat sich die Unsitte entwickelt, dass Interviewte die Texte gründlich überarbeiten und nicht davor zurückschrecken, auch die Fragen der Journalisten zu glätten.

Was die Financial Times Deutschland, die tageszeitung, die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Frankfurter Rundschau, die Berliner Zeitung, der Tagesspiegel und Die Welt in der Politik beklagen, ist aber auch in der Computerbranche nicht unbekannt. Im Feld der Technik, wo unter Autorisierung mehr als Anmeldung an einem Server verstanden wird, verlangen vor allem deutsche Firmen nach der Mitschrift, die von der Presseabteilung oder einer PR-Firma getrimmt wird.

Dabei geht es nicht um das Streichen der Ähs und Öhs, die ohnehin eskamotiert werden, die Korrektur einer Zahl oder die Streichung eines Codenamens, der versehentlich ausgesprochen wurde. Aus den im Gespräch gefallenen Satz "Wir haben vereinzelte Qualitätsprobleme" wurde schon einmal "Wir haben eine funktionierende Qualitätskontrolle". Kürzt aber der Journalist Floskeln wie die von der "anspruchvollsten integrierten State-of-the-art-Lösung mit Best-of-Breed-Komponenten", so wird die Autorisierung häufig komplett verweigert.

Eine Ausnahme bilden übrigens oft amerikanische Firmen wie etwa Microsoft oder IBM, weil in den USA die Praxis der Autorisierung unbekannt ist. Mit Ballmer oder Gates geführte Interviews werden in der Regel nur auf mögliche Übersetzungsfehler überprüft, nicht aber geändert. Welche Fragen nicht gestellt werden dürfen, wird mitunter in der Vorbereitung zum Interview ausgehandelt. (Detlef Borchers) / (jk)

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