Kampf gegen Betrüger: Cheats vergiften die Computerspiele-Welt

Betrüger gibt es überall, auch in der Welt der Videospiele. Durch Cheats verschaffen sich manche Spieler unfaire Vorteile, sehr zum Leidwesen anderer. Der Kampf gegen Cheater gleicht einem ewigen Wettrüsten.

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Szene aus Overwatch: Für Blizzards Esport-Hit gibt es kostenpflichtige Zusatzprogramme, die etwa die Lebenspunkte der Gegner aus großer Distanz einblenden.

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Durch Wände blicken wie Superman. Reflexe wie Spiderman haben. Und unzerstörbar sein wie Wolverine. Cheats machen Videospieler zu Superhelden – selbst in Titeln, in denen sie nur ganz normale Soldaten sind. Das klingt wie ein harmloser Spaß, doch in der Praxis sind Cheats ein dickes Geschäft mit Millionenumsätzen und echtes Gift für das Klima in der Spielewelt.

Dabei waren Cheats früher in nahezu jedem Spiel eingebaut. Wer schon etwas länger zockt, erinnert sich vermutlich noch gut an Codes für neue Waffen in "Doom" oder mehr Ressourcen in "Warcraft". Auf Konsolen populär war beispielsweise der "Konami-Code", eine Tastenkombination, mit denen sich Spieler in vielen Titeln des japanischen Entwicklers einen kleinen Vorteil verschaffen konnten.

Anders als heutige Cheats waren diese kleinen Mogeleien jedoch Teil des Spiels, von den Entwicklern als Zusatzservice für faule oder experimentierfreudige Nutzer eingebaut. Einsetzbar waren sie aber meist nur im Einzelspieler-Modus. Im Wettbewerb mit anderen Spielern war Schummeln verboten – auch wenn Spieler hin und wieder Schwachstellen fanden, um den Schummelschutz zu umgehen.

Mittlerweile kommen populäre Cheats und Hacks meist von außen als Zusatzprogramm. Und das mit Abstand größte Angebot gibt es für populäre Multiplayer-Titel wie "Counterstrike". Für den Taktik-Shooter gibt es zum Beispiel Aimbots, die dem Spieler das Zielen abnehmen, oder Wallhacks, mit denen er Feinde durch Wände sieht. Für Taktikspiele wie "League of Legends" oder "DOTA 2" existieren Tools, die dem Spieler Aufgaben abnehmen oder die gesamte Karte aufdecken. Klar, dass das bei anderen Spielern nicht gut ankommt.

"Sobald es Cheater gibt, verlieren Spieler das Vertrauen in ein Spiel", sagt Marcel Menge, Anticheating-Experte beim E-Sport-Veranstalter ESLGaming. "Das kann so weit gehen, dass es das Klima einer ganzen Community vergiftet." Denn wo es Betrüger gibt, ist die Anschuldigung «Du Cheater!» meist nicht weit. Selbst dann, wenn der andere nur besser ist. Das verdirbt mit der Zeit die Stimmung – und den Sportsgeist. "Eine der Gefahren von Cheating ist, dass es zu mehr Cheating führt", erklärt Wissenschaftler Jeremy Blackburn, Autor mehrerer Studien zu dem Thema. "Wenn ich Leute sehe, die cheaten, bin ich anfälliger dafür, es selbst zu probieren."

Spiele Top Ten 2016 (10 Bilder)

Platz 10: Shadow Warrior 2

Die polnischen Entwickler von Flying Wild Hog servieren mit Shadow Warrior 2 (Devolver Digital, Windows) eine schwarzhumorig überdrehte Platte geschnetzeltes, die sich kein Fan der guten alten Ego-Shooter entgehen lassen sollte. (Bild: Devolver Digital)

Gleichzeitig gelten solche Betrügereien unter Spielern nicht als Kavaliersdelikt: Enttarnte Cheater werden schnell Außenseiter in der Community. Warum probieren so viele es trotzdem? "Cheater gehen einfach nicht davon aus, dass sie erwischt werden", sagt Blackburn. "Und viele kommen tatsächlich auch davon damit, zumindest eine Zeit lang." Für viele geht es beim Cheaten einfach um das gute Gefühl, anderen überlegen zu sein, so Blackburn.

Hinzu kommt, dass es in Spielen inzwischen nicht mehr nur um Spaß geht – sondern teils auch um Geld. Weshalb Betrug nicht nur für die breite Masse an Gelegenheitsspielern ein Problem ist, sondern auch und vor allem für professionelle E-Sport-Turniere wie die von ESLGaming. "Auf unseren beiden Plattformen haben wir im vergangenen Jahr 4200 Leute wegen Cheaten gesperrt", sagt Anticheat-Experte Menge. "Das liegt deutlich unter dem einstelligen Prozentbereich." Dabei seien die Betrüger meistens gute Spieler, die auch ohne Cheats eine Chance hätten.

Overwatch (11 Bilder)

Von nepalesischen Tempeln über japanische Gärten bis zu den Straßen von Los Angeles reichen die gut gebauten Level.

"Da geht es wie beim Doping im Radsport eher darum, das letzte Quentchen herauszuholen" Um das zu verhindern, verpflichtet ESLGaming seine Athleten bei Onlineturnieren zum Einsatz spezieller Anticheat-Software – eine Art Urinprobe für den PC. "Die funktioniert wie eine Art Virenscanner, die Teilnehmer an unseren Wettkämpfen auf ihrem Rechner installieren müssen", sagt Menge. Die Software erkennt dann, ob neben dem Spiel noch unerlaubte Helfer-Programme laufen.

Für Otto Normalspieler geht der Kampf gegen Cheats nicht ganz so weit: Hier sind es die Publisher der Spiele, die den Kampf gegen Cheats führen - Valve für "Counterstrike" zum Beispiel, Blizzard für "Overwatch" oder Riot Games für "League of Legends". Anticheat-Software wie EasyAntiCheat, VAC (Valve Anti-Cheat) oder Punkbuster sind hier meistens in die Spielesoftware integriert. Der Nutzer merkt davon im Idealfall nichts. In der Vergangenheit gab es aber auch immer wieder Ärger um zu neugierige Anticheat-Lösungen: Welche Informationen die Tools dort sammeln und was damit passiert, kann der Nutzer kaum nachvollziehen. Zudem können die Anticheat-Lösungen nicht alle Betrüger herausfiltern.

Denn hinter den Cheats steckt eine ganze Industrie mit Entwicklerteams und professionellen Download-Shops, in denen es gegen Geld sogar Cheat-Abos gibt - ständige Aktualisierung garantiert. "Wir haben da ein eigenes Entwicklerteam für, um auf die neuesten Entwicklungen reagieren zu können", sagt Menge. "Das ist ein ständiger Wettlauf zwischen Cheat-Entwicklern und Leuten wie uns." Publisher wie Valve, Riot und Blizzard gehen auch rechtlich gegen Cheat-Entwickler vor und erreichen teils Schadenersatz in Millionenhöhe. So wurde die Zwickauer Cheater-Firma Bossland kürzlich von einem kalifornischen Gericht zu einer Strafzahlung in Höhe von 8,6 Millionen Euro verurteilt.

Ärger droht aber auch den Cheatern selbst. "Wer ein Spiel spielt, geht einen Nutzungsvertrag mit dem Anbieter des Spiels ein", erklärt Rechtsanwalt Konstantin Ewald. "Und in diesen Verträgen steht regelmäßig drin, dass man die Spiele nicht mit technischen Tools wie Cheats oder Bots nutzen darf." Wer dagegen verstößt, muss mit Strafen rechnen. "Da steht den Anbietern eine Reihe an Sanktionsmöglichkeiten zur Verfügung", erklärt Ewald, Experte für Spielerecht. Die populärste Variante dabei ist, den Spieler zu sperren – entweder nur für ein Spiel und auf Zeit, oder für eine ganze Plattform und für immer. (mfi)