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Kampf gegen Krebs: Dr. Watson enttäuscht Erwartungen

Der IBM-Supercomputer Watson ist bei der Therapie von Tumorerkrankungen bislang keine echte Hilfe.

IBM Watson

(Bild: dpa, Caroline Seidel)

2013 vermarktete IBM das hauseigene Watson-Computersystem als innovative Hilfe bei der "Mission, den Krebs auszurotten". Zwei Jahre zuvor hatte das Programm für Künstliche Intelligenz (KI) menschliche Mitspieler im Wissensquiz Jeopardy haushoch geschlagen, sodass es kaum mehr Grenzen für die Technik zu geben schien. Fünf Jahre später ist die Enttäuschung im medizinischen Bereich umso größer: Im Kampf gegen Tumorerkrankungen kann Watson laut übereinstimmenden Berichten bislang kaum punkten. Zumindest bietet die KI-Software demnach keinen Mehrwert gegenüber den Diagnosen von Krebsspezialisten.

Das 2013 groß angekündigte Pilotprojekt für ein onkologisches Expertensystem auf Basis von Watson am MD-Anderson-Krebszentrum der Universität Texas etwa liegt mittlerweile auf Eis. Im Rahmen der Kooperation sollte die Rechenkraft des Programms Ärzten helfen, "wertvolle Erkenntnisse aus den umfangreichen Patienten- und Forschungsdatenbanken" des Instituts zu ziehen. 62 Millionen US-Dollar soll die klinische Einrichtung dafür an Big Blue gezahlt haben, die Zusammenarbeit aber bereits beendet sein.

Die Meldungen über enttäuschte Erwartungen oder gar Misserfolge häufen sich seitdem. Der medizinische Online-Dienst Stat schrieb vorigen Monat unter Verweis auf "interne Dokumente", dass Watson "ungesunde und falsche" Behandlungsempfehlungen für Tumorerkrankungen ausgespuckt habe. Fachärzte hätten kritisiert, dass sie von dem Supercomputer keine hilfreichen Empfehlungen für ihre Krebspatienten erhielten. Ein Doktor habe der KI bescheinigt, nutzlos für entsprechende Behandlungen zu sein.

Auch in Deutschland werde Watson nicht mehr unhinterfragt als Heilsbringer im Kampf gegen Krebs und andere schwere Krankheiten angepriesen, befand die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vor Kurzem. Demnach kam ein 2011 bekannt gegebener Testbetrieb des IBM-Systems am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg über die Pilotphase gar nicht hinaus. Der Superrechner sollte demnach das Erbgut von jeweils 500 Patienten in Projekten mit Hirn-, Prostata- und Lymphgewebetumoren durchforsten und dabei Mutationen auf die Spur kommen, die für diese Krankheiten typisch sein könnten, sowie in der Vielzahl einschlägiger Forschungspublikationen nach Therapielösungen suchen. Herausgekommen sei nur heiße Luft, der Rahmenvertrag noch vor ersten Geldflüssen ausgelaufen.

Weniger glimpflich kam dem Bericht nach der Verbund der Rhön-Kliniken davon, dem Watson bei der Digitalisierung von Patientenakten und Arztbriefen zur Hand gehen sollte. Auch diese Zusammenarbeit sei rasch wieder beendet worden, "bevor sie richtig begonnen hatte", da die Technik nicht brauchbar gewesen sei. Dem Vernehmen nach soll der Ausfall dem Klinikzusammenschluss mindestens eine Million Euro gekostet haben. Der Spiegel legte kurz darauf nach, dass die Verantwortlichen bei dem zum Rhön-Verbund gehörenden Universitätsklinikum Gießen und Marburg froh gewesen seien, dass das Experiment wieder eingestellt worden sei. In der Praxis habe sich das System als "deutlich weniger intelligent als erhofft" erwiesen.

Das Wall Street Journal hat sich des Falls nun auch angenommen und erstellt Watson eine "finstere Diagnose" im Kampf gegen Krebs. Über ein Dutzend Partner und Kunden von IBM hätten nach Milliardenausgaben onkologische Watson-Projekte gestoppt oder geschrumpft, weiß die Zeitung. Es gebe jenseits der bereits zu hören gewesenen Klagen Beschwerden, dass das System unzureichende Daten zu seltenen oder wiederkehrenden Tumorerkrankungen habe. Die menschlichen Trainer der KI kämen häufig gar nicht nach, die sich rasch ändernden Behandlungsmethoden einzuspeisen. Insgesamt gebe es keine öffentlichen Forschungsergebnisse, die zeigten, dass Watson-Empfehlungen das Endergebnis bei der Behandlung von Patienten habe verbessern können.

Die Ursachensuche befindet sich im vollen Gange. Offenbar waren die Ziele, die sich IBM und Partner auf diesem Feld gesteckt hatten, zu ambitioniert. Die Idee war, dass Watson elektronisch vorliegende Patientenakten mit bisherigen Erkrankungen und Behandlungen, Studien aus Tausenden von wissenschaftlichen Zeitschriften, Behandlungsrichtlinien und Krankenhaus-Datenbanken analysieren und dem Arzt eine Reihe möglicher Behandlungsoptionen mit zugehörigen Erfolgsaussichten darreichen sollte. Doch Krebs ist kein leichter Gegner: die Krankheit zeigt sich in hunderten Varianten mit eigenen genetischen Merkmalen, für die jeweils andere Therapien nötig sind.

Deutsche Krebsmediziner verweisen auf das zusätzliche Problem, dass das System jahrelang mit Daten aus einem US-amerikanischen Krankenhaus für Wohlhabende trainiert worden sei und darauf zugeschnittene Lösungen vorschlage, die nicht immer für den Rest der Welt passten.

Entlassungen in der Gesundheitssparte

Eine der noch größten, derzeit nicht profitorientierten Kooperationen zwischen Big Blue und Vertretern des Gesundheitssektors läuft aktuell noch mit dem US-Ministerium für Veteranenangelegenheiten. Nach Tests mit Watson und 3000 von 10.000 eingeplanten Patienten zieht der dort tätige Onkologe Michael Kelley ein zwiespältiges Zwischenfazit. So habe das System in mehreren Fällen geholfen, aktuelle Forschungsresultate und auf dieser Basis etwa eine passende Immuntherapie zu finden. Die großen Versprechungen für KI hätten sich im Gesundheitsbereich aber noch nicht realisieren lassen. Die Gesundheitssparte von IBM Watson hat unterdessen Entlassungen in einer Niederlassung in North Carolina bestätigt. (Stefan Krempl) / (axk)

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