Kanada: Neuer Anlauf zu Gezeitenkraft mit deutschen Turbinen

Schwimmende Turbinen aus Deutschland sollen bereits 2021 Strom aus Gezeitenkraft in das Netz Neuschottlands speisen. Privatinvestoren können sich beteiligen.

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Der hier gezeigte Prototyp mit vier Turbinen bewährte sich 2018 in Tests. Nun werden zunächst drei solche Kraftwerke mit jeweils sechs Turbinen in Deutschland gebaut und in Kanada installiert.

(Bild: Black Rock Tidal Power)

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Strom aus einem Gezeitenkraftwerk ohne Staumauer soll bereits nächstes Jahr wieder in das Stromnetz Neuschottlands gespeist werden – und das auf Dauer. Das strebt ein Projekt namens Pempa’q unter Führung der deutschen Schottel-Gruppe an. Neuschottland sucht seit Jahren nach Wegen, aus der beständig starken Meeresströmung im Minas-Becken Strom zu gewinnen. Pempa'q ist ein Mi’kmaq-Wort, der Sprache des örtlichen Ureinwohner-Volks der Mi’kmaq, und bedeutet anschwellen (der Flut).

Mehrere Anläufe mit großen, auf dem Meeresboden stehenden Turbinen sind gescheitert, auch wenn einige Monate lang Strom produziert wurde. Nun sollen sich schwimmende Turbinen beweisen. Dieser Ansatz hat sich in Kanada bereits bei Gezeitenkraft-Tests bewährt.

Im Herbst 2018 installierten die neuschottische Schottel-Tochterfirma Black Rock Tidal Power und die schottische Firma Sustainable Marine Energy (SME) eine schwimmende Plattform namens Plat-I mit vier im Wasser versenkbaren Turbinen in der neuschottischen Meeresenge Grand Passage. Die Plattform kam von SME, die Turbinen von Schottel. Laut Firmenangaben brachten die Turbinen die erwartete Leistung, die Elektrotechnik funktionierte, und Wartung und Austausch von Teilen erwiesen sich als alltagstauglich.

Daraufhin beschlossen die Firmen, Nägel mit Köpfen zu machen und mit Pempa’q ein kommerzielles Vorführprojekt im Minas-Becken umzusetzen. Schottel verschmolz Black Rock Tidal Power mit SME und wurde damit zum größten SME-Aktionär. Zudem wurden zwei weitere Partner für das Projekt gewonnen: Die Firma Reconcept aus Hamburg fungiert als Projektträger und Financier. Und mit der Firma Minas Tidal LP wird ein ehemaliger Konkurrent eingebunden.

Gezeitenkraft in Neuschottland (5 Bilder)

Gezeitenkraftwerk

Die schwimmende Plattform und ihre schwenkbaren Turbinen
(Bild: Reconcept)

Minas Tidal gehört einem Öl- und Gasförderunternehmen aus Ontario, das ebenfalls mit schwimmenden Turbinen im Minas-Becken Strom erzeugen wollte. Doch ist deren niederländischer Lieferant Tocardo Tidal Power im Oktober Pleite gegangen. Nun haben sie mit SME das Gemeinschaftsunternehmen Spicer Marine Energy gegründet, das für Errichtung, Betriebsführung und Instandhaltung des Kraftwerks zuständige sein soll. Das Kraftwerk wird den Namen FORCE 1 tragen – nicht zu verwechseln mit der örtlichen Gezeitenkraft-Forschungsstation FORCE.

Am letzten Tag des Jahres 2019 hat Spicer Marine Energy die wichtigsten Komponenten bestellt: Drei Trimaran-Schwimmkörper (30,5 mal 30 Meter), Schottel-Turbinen mit je 70 kW Nennleistung (4 Meter Rotordurchmesser) und die zugehörige Elektrotechnik. Diese wesentlichen Komponenten werden allesamt in Deutschland hergestellt und dann nach Kanada gebracht.

Die Animation zeigt die Funktionsweise des Gezeitenkraftwerks bestehend aus einer schwimmenden Plattform und schwenkbaren Turbinen. In der in Bau befindlichen Variante kommen allerdings etwas größere Plattformen mit je 6 Schottel-Turbinen zum Einsatz. (Quelle: Sustainable Marine Energy)

In der ersten Projektphase sollen auf jeder der drei schwimmenden Plattformen sechs Turbinen montiert werden, woraus sich eine Nennleistung von insgesamt 1,26 MW ergibt. Daraus erwarten sich die Betreiber einen Nettoertrag von 4.915 MWh jährlich. Die Turbinen können in das und aus dem Wasser geschwenkt werden. Im Vergleich zu einer auf dem Meeresboden abgestellten Turbine erleichtert das den Zugang für Wartungsarbeiten erheblich.

Im Mai beginnen die Bohrarbeiten für Verankerungen an der Küste. Die Fertigstellung der drei Plattformen ist für August 2021 geplant, woran sich nahtlos die zweite von insgesamt drei Projektphasen anschließen soll: Schottel plant, weitere schwimmende Gezeitenkraftwerke im Minas-Becken in Betrieb zu nehmen, um eine Gesamtleistung von bis zu neun Megawatt zu erreichen.

Die erste Phase soll 16,7 Millionen kanadische Dollar kosten (11,5 Millionen Euro). Der Hamburger Projektträger Reconcept sucht derzeit Privatinvestoren für Pempa’q, insbesondere in Deutschland und Kanada. Ihnen werden fixe Auszahlungen über 15 Jahre in Aussicht gestellt. Die Privatinvestoren sollen insgesamt bis zu sechs Millionen Dollar beisteuern, Mindestbeitrag sind zirka 7.000 Euro pro Person.

Ebenfalls neun Megawatt Leistung im Minas-Becken strebt die irische Firma DP Energy an. Sie möchte allerdings viel größere Turbinen der österreichischen Firma Andritz Hydro, nämlich sechs Stück à 1,5 Megawatt, verwenden. Und sie sollen, wie beim Gezeitenkraftwerk der pleite gegangenen Firma Open Hydro, am Meeresboden verankert werden. Ein Zeitplan dafür ist noch nicht bekannt.

Das Minas-Becken ist ein Teil der Bay of Fundy und bei den Investoren aus mehreren Gründen beliebt. Die Bay of Fundy ist für den höchsten Tidenhub der Welt berühmt. Das führt zu beständig starken Strömungen im Minas-Becken. Hinzu kommt, dass dort Ebbe und Flut um 180 Grad versetzt sind. Damit können bestimmte Turbinen in beiden Strömungsrichtungen elektrischen Strom erzeugen, ohne mehrmals täglich neu ausgerichtet werden zu müssen; die Pempa'q-Plattformen drehen sich allerdings sehr wohl in die Strömung.

Zweitens lockt der örtliche Stromnetzmonopolist Nova Scotia Power mit einem sehr hohen Einspeisetarif von bis zu 53 kanadische Cent je Kilowattstunde für bis zu 15 Jahre. Drittens steht unmittelbar vor Ort die Forschungsstation FORCE (Fundy Ocean Research Center for Energy), die bereits umfangreich Daten über das Minas-Becken gesammelt hat und die Unternehmer wissenschaftlich begleitet.

Matthew Lumley von der neutralen Forschungsstation FORCE im Interview mit heise online (2016) Damals nahm Open Hydro den Betrieb auf und lieferte in der Folge auch etwas Strom ins Netz, ging wegen anhaltender technischer Probleme aber zwei Jahre später pleite.

Und viertens hat sich durch jahrelange Experimente und signifikante Subventionen in der Region ein Biotop einschlägiger Wissenschaftler und erprobter Zulieferer etabliert. Die für kanadische Verhältnisse relativ arme Provinz Neuschottland hofft, nicht nur ihren Treibhausgasausstoß in der Stromproduktion senken sondern sich zugleich auch als Kompetenzzentrum für Gezeitenkraft etablieren zu können. Das soll in weiterer Folge zu gut bezahlten Arbeitsplätzen und einem neuen, exportkräftigen Wirtschaftszweig führen. (ds)