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Kanada: Strafverfahren wegen Downloads frei verfügbarer Dokumente eingestellt

Ein Teenager war des Computer-Missbrauchss beschuldigt, weil er frei verfügbare Dateien von einem Provinzserver heruntergeladen hatte. Nachdem die Provinzregierung elf weitere Bürger belangen wollte, hat die Polizei die Ermittlungen eingestellt.

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7 Kanonenrohre

Die schweren Geschütze, die die Behörden aufgefahren hatten, bleiben stumm - so wie diese historischen Kanonen auf McNabs Island in Halifax.

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

Ein 19-jähriger Teenager aus Neuschottland und seine Familie können aufatmen: Die Polizei der Provinzhauptstadt Halifax lässt den Vorwurf des Computer-Missbrauchs fallen. Der junge Mann hatte 7000 frei verfügbare Dokumente vom Informationsfreiheitsportal der Provinz Neuschottland heruntergeladen. In den Augen der Provinzregierung ein Verbrechen, in den Augen des Gesetzes nun doch nicht.

Die Provinzregierung hatte auf das Informationsfreiheitsportal auch zirka 250 Dokumente gestellt, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Als ein Beamter den Fehler bemerkte, wurden die Serverlogs ausgewertet und der junge Mann angezeigt. Es folgte eine Hausdurchsuchung, Verhaftung, und Verhöre der gesamten Familie samt Beschlagnahme deren Computer. Der Teenager wurde wegen "nicht autorisierter Nutzung eines Computersystems" angeklagt, worauf bis zu zehn Jahre Haft stehen.

Die Aufregung in der kanadischen IT-Szene war groß, hatte der Beschuldigte doch lediglich zu der URL jeweils 1 hinzugezählt, um das nächste Dokument zu erhalten. Schema: http://foo.bar/document0001.pdf, http://foo.bar/document0002.pdf, etc. Passwortschutz gab es keinen, und die 250 Dokumente mit persönlichen Daten waren nicht gesondert gekennzeichnet. Eine Spendenkampagne, an der sich auch zahlreiche heise-online-Leser beteiligten, ergab gut 15.000 US-Dollar für die Anwaltskosten des Teenagers, der vom Datenschutzspezialisten David T.S. Fraser vertreten wird.

Die Regierung Neuschottlands ließ sich aber nicht beirren. Sie verteidigte nicht nur ihr Vorgehen, sondern ließ elf weitere Anzeigen folgen: Bei einer eingehenden Auswertung der Serverlogs waren weitere IP-Adressen aufgetaucht, von denen aus größere Teile des Dokumentenbestandes des Informationsfreiheitsportals heruntergeladen worden waren. Dabei soll auf bis zu 900 Dokumente zugegriffen worden sein. Die Regierung wollte auch diese User ausforschen und verfolgen lassen.

Doch die Polizei spielt nicht mehr mit: "Wir haben festgestellt, dass der 19-Jährige, der am 11. April verhaftet wurde, nicht beabsichtigt hatte, durch den Zugriff auf die Information eine Straftat zu begehen", sagte der Ermittlungsleiter der Polizei Halifax', Superintendent Jim Perrin, am Montag. Es gebe keine Grundlage für einen Strafprozess. Das kanadische Strafrecht verlangt für Computer-Missbrauch Betrugsabsicht, oder dass nicht einmal ein Anschein der Rechtmäßigkeit gegeben ist ("Colour of Right").



Ob die übrigen elf Anzeigen weiterverfolgt werden, geht aus der kurzen Stellungnahme nicht hervor. Da bislang aber nichts über weitere Hausdurchsuchungen in der Angelegenheit bekannt geworden ist, dürfte die Provinzposse nun ein Ende gefunden haben. Und sollten nach Begleichung der Anwaltskosten Spendengelder übrig sein, soll damit die Ausbildung des jungen Neuschotten unterstützt werden. (ds)

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