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Kardiologen zum EKG per Apple Watch: Sollte nicht den Arztbesuch ersetzen

Die neue Apple Watch kann mit einem einfachen EKG Vorhofflimmern erkennen. Das bringt für Ärzte allerdings nicht nur Vorteile mit sich.

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Die 4. Generation der Apple Watch kann ein EKG durchführen.

(Bild: Apple)

Seit Kurzem können Apple-Watch-Geräte der vierten Generation auch in Deutschland über eingebaute Sensoren ein einfaches EKG beim Träger durchführen. Dadurch lässt sich, zusammen mit einer Pulsmessung über den schon seit der ersten Generation des Wearables verbauten optischen Sensor, Vorhofflimmern diagnostizieren. Vorhofflimmern (in der Fachliteratur auch als AFib abgekürzt, nach der englischen Bezeichnung Atrial Fibrillation) ist weltweit die häufigste, anhaltende Herzrhythmusstörung beim Menschen. AFib kann auf schwerwiegendere Herzkrankheiten hindeuten und geht mit einem erhöhten Risiko für Schlaganfälle einher, da sich durch die verringerte Zirkulation, vor allem im linken Vorhof, Blutgerinnsel bilden können. Eine frühzeitige Diagnose ist deshalb sehr im Sinne des Patienten.

Da Vorhofflimmern oft asymptomatisch auftritt, das heißt vom Patienten nicht bemerkt wird, besteht das Risiko, dass die Erkrankung nicht frühzeitig erkannt wird. Und unterbleibt dann auch eine medikamentöse Behandlung des Schlaganfallrisikos, etwa durch blutverdünnende Medikamente. Da die Krankheit vor allem am Anfang oft in Episoden auftritt, kann bei ärztlichen Untersuchungen oft nichts festgestellt werden: Die Episode ist vorbei und das Herz schlägt wieder normal, bis ein EKG durchgeführt werden kann. Geräte wie die Apple Watch versprechen hier bessere Diagnosemöglichkeiten, da sie den ganzen Tag getragen werden und bei der Feststellung von unregelmäßigem Puls (einem Hauptsymptom von AFib) den Träger bitten können, direkt ein EKG durchzuführen.

In einer Pressemitteilung begrüßt die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK), hierzulande der wichtigste Kardiologen-Verbund, diese neuen Diagnosemöglichkeiten. Die DGK warnt allerdings auch davor, dass eine Diagnose mit einem Wearable wie der Apple Watch den Besuch bei einem Arzt nicht ersetzen könne. "Die Apple Watch sollte nicht als Ersatz für einen Besuch beim Arzt verwendet werden, sondern kann vielmehr helfen, relevante Herzrhythmusdaten aufzuzeichnen und einen betreuenden Arzt in der Diagnostik zu unterstützen", schreibt Professor Dr. med. Thomas Deneke in der Mitteilung. Deneke ist Sprecher der Arbeitsgruppe Rhythmologie der DGK und Chefarzt der Klinik für interventionelle Elektrophysiologie in Bad Neustadt.

Eine von Apple finanzierte Studie der Stanford-Universität zeigte für die Modelle 1 bis 3 der Apple Watch, also Modelle nur mit Puls-Sensor und ohne EKG-Funktion, signifikante Erkennungsraten für AFib in einer Versuchsreihe mit 400.000 Teilnehmern. Auch die DGK sehe eine hohe Übereinstimmung zwischen Ergebnissen der neueren Apple Watch der vierten Generation und Folgeuntersuchungen beim Arzt. Allerdings gibt Denekes Kollege Professor Dr. med. Peter Radke, ebenfalls aus Bad Neustadt, zu bedenken: "Bevor auf dieser Datenbasis konkrete Handlungsempfehlungen ausgesprochen werden können, beispielsweise die Einleitung einer Antikoagulation bei asymptomatischen Patienten mit einem in der Apple Watch 4 detektierten Vorhofflimmern, sind noch umfangreiche klinische Folgestudien notwendig.“

Im Gespräch mit heise online zeigten sich Kardiologen allerdings auf Grund dieser Einschränkungen auch skeptisch. Die Apple Watch kann wegen ihrer begrenzten Sensorik nur ein 1-Kanal-EKG durchführen, bei der Diagnostik im Krankenhaus werden überlicherweise 12-Kanal- oder Vektor-EKGs eingesetzt, die genauere Rückschlüsse auf den Herzschlag des Patienten zulassen. Das macht es nach Ansicht der meisten Ärzte unerlässlich, dass die Ergebnisse der Apple Watch im Krankenhaus oder beim Arzt mit diesen genaueren Methoden nachgeprüft werden.

In manchen Fällen muss ein Langzeit-EKG eingesetzt werden, um eine Episode des Vorhofflimmerns eindeutig aufzuzeichnen. Immerhin hängt von dieser Diagnose eventuell die dauerhafte Verabreichung von gerinnungshemmenden Medikamenten oder gar eine invasive Katheterablation ab. Bei diesem operativen Verfahren wird durch die Leistenvene eine Kathetersonde ins Herz geführt, um gezielt Muskelzellen der Herzwand zu veröden und damit den Vorhöfen wieder zu einer gesteuerten Kontraktion zu verhelfen.

Einige Kardiologen geben zu bedenken, dass das deutsche Gesundheitssystem unter Umständen nicht darauf vorbereitet ist, eine signifikant höhere Anzahl solcher Untersuchungen durchzuführen. Das könnte aber auf die Ärzte zukommen, wenn Apples Wearable sich auf dem Markt durchsetzt, bei vielen Trägern Symptome feststellt und diese bitte, ihren Arzt aufzusuchen. Grundsätzlich sei zu begrüßen, dass so mehr an AFib erkrankte Patienten diagnostiziert werden können. Jede Apple-Watch-Diagnose ziehe aber erheblichen Aufwand beim Arzt und in Krankenhäusern nach sich, da man wegen dem möglichen Schlaganfall-Risiko der Patienten jeden Verdacht von AFib ernst nehmen müsse. (fab)