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Kehrtwende: Von der "Heuschrecke" zum willkommenen Telekom-Investor

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Es ist ziemlich genau ein Jahr her, als der damalige SPD-Chef Franz Müntefering im NRW-Landtagswahlkampf – getrieben von sinkenden Umfragewerten der Sozialdemokraten – zu seiner Kapitalismuskritik ausholte. Das Verhalten mancher Investoren verglich er mit einer "Heuschreckenplage" – gemeint waren so genannte Private-Equity-Gesellschaften, hoch spekulative Hedge- oder "Geierfonds", die Unternehmen bloß aufkauften, zerlegten und wieder abstießen. Auf einer internen "Heuschreckenliste" der SPD tauchte damals auch der Name der US-Gruppe Blackstone auf. Ausgerechnet dieser Investor steigt jetzt für knapp 2,7 Milliarden Euro beim einstigen Staatsunternehmen Telekom ein und wird von der Politik in Berlin fast überschwänglich als "strategischer Investor" begrüßt.

"Manche Finanzinvestoren verschwenden keinen Gedanken an die Menschen, deren Arbeitsplätze sie vernichten. Sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter. Gegen diese Form von Kapitalismus kämpfen wir", hatte Müntefering – der heutige Vizekanzler und Arbeitsminister in der großen Koalition – vor einem Jahr kritisiert. Die Finanzmärkte wählten den Begriff "Heuschrecken" später zum "Börsenunwort" des Jahres 2005, da er "ein völlig falsches Bild" von Finanzinvestoren zeichne und eine Branche verunglimpfe.

Davon ist unter Spitzenpolitikern kaum noch die Rede. Zumindest jetzt, wo Bund und die staatseigene KfW-Bankengruppe einen wesentlichen Teil ihrer Anteile an dem DAX-Schwergewicht Deutsche Telekom AG an jene vermeintliche "Heuschrecken"-Firma verkauft haben. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) jedenfalls meinte: "Ich bin froh, dass mit Blackstone ein strategischer Investor, der an langfristiger Wertsteigerung und Wertschöpfung interessiert ist, jetzt bei der Telekom einsteigt". Der Finanzminister setzt beim erhofften Wertzuwachs der Telekom, an der Bund und KfW immer noch knapp ein Drittel der Aktien halten, also auch auf die Wirkung internationaler Finanzinvestoren. Denn die müssen ihre Geldgeber mit satten Renditen bei Laune halten. Um den Ansprüchen zu genügen, müsste auch der Telekom-Kurs deutlich zulegen. Zuletzt machte das Telekom-Papier, in dem Blackstone Steigerungspotenzial sieht, seinen Eigentümern wenig Freude.

Mit der Frage habe er "natürlich überhaupt nicht gerechnet", meinte Steinbrück nach Vertragsabschluss denn auch ironisch, als er auf die frühere "Heuschreckendebatte" und den jüngsten Milliardencoup von Blackstone angesprochen wurde. Schließlich hatte Blackstone in der Vergangenheit mit den Folgen der Übernahme der aus der Hoechst AG hervorgegangen Celanese für Schlagzeilen gesorgt und war vermutlich auch deshalb auf der internen SPD-Liste gelandet.

Sonst versucht Blackstone bei Investments, die Mehrheit der Anteile und damit die unternehmerische Kontrolle zu bekommen. Mit einem Aktienanteil von 4,5 Prozent hat Blackstone bei der Telekom keine dominierende Rolle, wird aber immerhin einen Aufsichtsratsposten bekommen. Hoffnung auf den Kauf weiterer Telekom-Aktien kann sich die US-Gruppe vorerst nicht machen – zumindest nicht vom Bund und von der KfW.

Die im Mediengeschäft erfahrene Beteiligungsgesellschaft sei kein Hedgefonds und an einem längerfristigen Engagement bei der Telekom interessiert, verteidigte Steinbrück das Geschäft. Die positiven Reaktionen an der Börse zeigten, dass die Transaktion richtig gewesen sei. Beteiligungsfirmen seien ein wichtiges Finanzierungsinstrument in Deutschland, vor allem im Mittelstand, meinte Steinbrück und legte nach: Wann immer es sinnvoll sei, werde er erneut diesen Weg gehen.

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(André Stahl, dpa) / (jk)