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Kehrtwende in Mannheim: Der Brockhaus geht online

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Mit der Ankündigung des Projekts "Brockhaus Online" für den April hat der Mannheimer Traditionsverlag eine Kehrtwende vollzogen. Das Zeitalter der gedruckten Enzyklopädie in 30 Bänden scheint am Ende. "Wir haben in das neue Projekt stark investiert", erklärt Klaus Holoch, Sprecher der Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG (Bifab) im Gespräch mit heise online. Derzeit seien zirka 60 Mitarbeiter damit beschäftigt, die Inhalte der klassischen Print-Enzyklopädie für die Präsentation im Internet anzupassen. Holoch bestätigte, dass der volle Umfang der 30-bändigen Brockhaus-Enzyklopädie ab Mitte April kostenlos online stehen soll. Darin enthalten sind Artikel zu insgesamt 300.000 Stichwörtern, zusätzlich sollen auch verschiedene Multimedia-Inhalte online verfügbar gemacht werden.

Für die Absatzzahlen der Print-Ausgabe dürfte das fatal sein. So rechnet der Verlag im Bereich der allgemeinen Nachschlagewerken mit einer deutlichen Umsatzverschlechterung – bereits im vergangenen Jahr hatte das Unternehmen einen Millionenverlust eingefahren. Am Mannheimer Standort sollen jetzt 50 Mitarbeiter entlassen werden, der Verlag kündigt weitere Einsparungen an.

Die neue Geschäftsstrategie ist eine 180-Grad-Wende für den Traditionsverlag. Der Textkorpus der Brockhaus-Enzyklopädie wurde immer stark gehütet. So verkauft zwar Brockhaus im Internet Zugriff zu einzelnen Lexikon-Artikeln, die Inhalte der großen Brockhaus-Ausgabe waren aber ausgenommen. Nur wer die Enzyklopädie für insgesamt 2850 Euro kaufte, konnte bisher auf den vollen Wissensschatz von Brockhaus zugreifen. Auch wenn die Enzyklopädie auf einem USB-Stick angeboten wurde – richtig zu Hause war Brockhaus in der digitalen Welt nie. Zwar bot die Redaktion bisher schon Online-Updates für die verschiedenen digitalen Ausgaben, die Aktualisierungen kamen aber nur gemächlich und spärlich auf den Rechner des Kunden.

Bereits im vergangenen Jahr hatte der Verlag einen Testlauf für das neue Geschäftsmodell und die Inhalte von Meyers Lexikon online gestellt. "Obwohl wir die Werbetrommel nicht gerührt haben, erreichen wir inzwischen Zugriffszahlen, die zum Beispiel mit dem der Zeitschrift Brigitte vergleichbar sind." Brigitte.de zählte im Januar 2,6 Millionen Visits und 38 Millionen Page Impressions. Bei dem Meyers-Projekt habe die Redaktion einiges dazugelernt: So herrsche im Internet ein ganz anderer Aktualitätsdruck. Von den Mitmachmöglichkeiten haben die Nutzer bisher nur wenig Gebrauch gemacht. "Vor allem die Funktion Nachschlagen ist sehr gefragt", erklärt Holoch. Der Verlagssprecher zeigt sich auch mit der Google-Platzierung der Texte zufrieden, die im Gegensatz zu den Brockhaus-Texten sehr knapp ausfallen.

Obwohl es beide Seiten verneinen – der Erfolg der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia war sicher einer der Hauptgründe für den mangelhaften Erfolg der jüngsten Ausgabe der Brockhaus-Enzyklopädie, die vor zwei Jahren erschien. Mit insgesamt 700.000 Artikeln hat das Mitmach-Lexikon der Traditions-Enzyklopädie schon lange den Rang abgelaufen, was Umfang und Aktualität angeht. Stattdessen setzt Brockhaus auf Qualität. Mehrfach betont der Verlag, dass seine Informationen verlässlich und nicht manipulierbar seien. Damit spielt der Verlag auf diverse Skandale an, die die Glaubwürdigkeit der Wikipedia immer wieder in Zweifel ziehen. Solche Verweise kommen nicht von ungefähr: Trotz der diversen Pannen konnte sich Wikipedia in diversen Tests gegen die kommerzielle Konkurrenz behaupten.

Der Geschäftsführer des Vereins Wikimedia Deutschland sieht diese Andeutungen gelassen: "Die Modelle von Brockhaus und Wikipedia sind sehr verschieden und ergänzen sich", erklärt Arne Klempert im Gespräch mit heise online. Der Verein begrüße, dass ab April mehr Menschen kostenfrei auf Wissensbestände zugreifen könnten, die bisher nur gegen Bezahlung erhältlich waren.

Zusätzlich zu dem werbefinanzierten Portal will Brockhaus auch ein spezielles Angebot für den Einsatz in der Schule aufbauen – dieses Angebot soll werbefrei sein. "Wir sehen das als Teil unserer sozialen Verantwortung", erklärt Holoch – wenn Schüler und Lehrer auf die kostenlose Konkurrenz auswichen, würden sie im Internet nur wesentlich unzuverlässigere Informationen finden. Die Rolle als "Wissensnavigator", wie sie Brockhaus nach Eigendarstellung anstrebt, wird Brockhaus aber nur schwer erfüllen können: Statt die Möglichkeiten des Internets voll auszuschöpfen, will der Verlag hauptsächlich auf die Inhalte der eigenen Produkte verweisen.

Siehe dazu auch:

(Torsten Kleinz) / (Torsten Kleinz) / (anw)

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