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"Killerspiele" erhalten Deutsche Computerspielpreise

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Verrohung der Sitten: In Harveys Neue Augen wird ein kleines Mädchen immer wieder mit dem Tod konfrontiert. Das schwarzhumorige Adventure wurde als bestes deutsches Jugendspiel ausgezeichnet.

(Bild: Deadalic Entertainment)

Der Ego-Shooter "Crysis 2" ist Donnerstagabend beim Deutschen Computerspielpreis als "Bestes Deutsches Spiel" ausgezeichnet worden. Der Titel des Frankfurter Entwicklers Crytek habe "technologisch, qualitativ und ökonomisch weltweit Publikum und Fachwelt überzeugt und begeistert", begründete die Jury ihre Wahl für das beste deutsche Spiel. Zuvor hatte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Bundestag eine Mission ganz eigener Art gestartet: Ihr kultur- und medienpolitischer Sprecher Wolfgang Börnsen kritisierte Crysis 2 als "Killerspiel" und drohte der Jury personelle Konsequenzen an. Der erstmals 2009 vergebene Preis wird von den Branchenverbänden BIU, G.A.M.E. und Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) getragen; der Hauptpreis ist mit 50.000 Euro dotiert.

Avni Yerli von Crytek sprach in seiner Dankesrede von einer "kleinen Revolution", die die Wahl ausgelöst habe. Neumann bekräftigte die Entscheidung und stärkte der Jury den Rücken: "Wir haben eine unabhängige Jury, und das ist gut so." Neumann unterstützte allerdings auch die Kritiker aus seiner Partei. Man müsse darüber nachdenken, ob weiterhin Spiele ohne Jugendfreigabe ausgezeichnet werden könnten. "Ein Spiel, das aufgrund von Gewaltdarstellungen nicht für Jugendliche geeignet und deshalb nur für Erwachsene zugelassen ist, kann schwerlich 'kulturell und pädagogisch wertvoll' sein", betonte der Kulturstaatsminister. Dies sei aber 2007 die Zielsetzung des Bundestags gewesen. Mit den Abgeordneten des Kulturausschusses habe er vereinbart, dass über die Vergabekriterien erneut diskutiert und entschieden werde.

Crysis 2 hatte sich gegen Anno 2070 von Blue Byte und dem schwarzhumorigen Adventure "Harveys neue Augen " vom Hamburger Entwickler Daedalic Entertainment durchgesetzt. Deadalic zeigte sich gegenüber Crytek neidisch, denen so viel Aufmerksamkeit geschenkt würde: "Harveys neue Augen ist auch ein Killerspiel", erklärten sie dem Publikum, als sie den Preis für das beste Jugendspiel entgegennahmen. Als bestes Kinderspiel wurden "The Great Jitters: Pudding Panic» vom Berliner Anbieter kunst-stoff und der für iPhone und iPad entwickelte Titel "Das verrückte Labyrinth HD" von Ravensburger Digital gekürt. Bei den sogenannten Serious Games setzte sich die Kunsthalle Bremen mit der Anwendung "Vom fehlenden Fisch – Die geheimnisvolle Welt der Gemälde " durch. Als bestes Browserspiel wurde Drakensang Online von Bigpoint ausgezeichnet, einen Sonderpreis in dieser Kategorie erhielt der Kölner Krystian Majewski für sein Spiel "Trauma ". Studenten der Kunsthochschule Kassel gewannen den Wettbewerb um das beste Nachwuchskonzept mit "About love, hate and the other ones ", den Sonderpreis der Nachwuchstalente gewann Frederic Schimmelpfennig für sein Spiel "Pan it ". Die parallel vergebenen LARA-Preise für internationale Spiele gingen an "Skyrim", "Portal 2" und "Super Mario 3D Land". Den Ehrenpreis erhielt Sims-Entwickler Will Wright.

Der Spieleanbieter Electronics Arts, der Crysis 2 vertreibt, wies die Kritik aus den Reihen der Union zurück. Beim Computerspielpreis gelte es, unterschiedliche Aspekte zu berücksichtigen – neben dem pädagogischen Wert auch die Unterhaltung, erklärte Sprecher Martin Lorber. "Genau wie bei Buch, Film oder anderen Medien setzen Spiele-Entwickler unterschiedliche Stilmittel ein, um bei den Spielern eine Emotion zu erzeugen." Das könnten auch Gewalt und Aggression sein. Beim Branchenverband BIU hieß es, die unabhängige Jury werde durch die Kritik aus der Union beschädigt.

Kritische Stimmen zur Reaktion der CDU gab es auch vom Koalitionspartner: Der Vorsitzende des Unterausschusses Neue Medien, Sebastian Blumenthal (FDP), meinte: "Es ist nicht hilfreich, wenn die Politik in diesem Zusammenhang in eine undifferenzierte Killerspiel-Rhetorik verfällt – da waren wir schon mal weiter."

In der SPD-Bundestagsfraktion erklärte der Sprecher der Arbeitsgruppe Kultur und Medien, Siegmund Ehrmann, allein die Verwendung des Begriffs "Killerspiel" wecke Zweifel, ob die Union ein Interesse an einer sachlichen und differenzierten Debatte habe. Die unabhängige Jury, der auch Vertreter der Unionsfraktion angehörten, habe ihre Entscheidung mit Zweidrittelmehrheit getroffen und dürfe nicht diskreditiert werden.

Für die Grünen erklärten Malte Spitz und Tabea Rößner als Sprecher für Netz- und Medienpolitik: "Computerspiele sind grundsätzlich ein kulturelles Gut, damit genießen sie sowohl Kunstfreiheit wie auch die Freiheit, nicht gefallen zu müssen." Sie warfen Börnsen vor, in "alte Schützengräben" zurückzufallen.

Zurechtgewiesen wurde Börnsen auch aus den eigenen Reihen. Der kürzlich von mehreren Unionsabgeordneten gegründete Verein Cnetz hielt dem Kollegen entgegen, er habe sich offenbar gar nicht selbst mit dem Spiel beschäftigt. Allein seine Sprachwahl zeuge "von einer groben Unkenntnis in der Sache". Der Verein für Netzpolitik verglich "Crysis 2" mit dem Film "Inglourious Basterds" – dort gebe es mehr gewaltverherrlichenden Szenen als in "Crysis 2", und der Film sei im Unterschied zu dem Computerspiel mit öffentlichen Mitteln gefördert worden. Spiele dürften nicht nur unter pädagogischen Aspekten betrachtet werden. "Computerspiele sind längst ein weit verbreitetes und anerkanntes Kulturgut", hieß es in der Cnetz-Erklärung. (mit Material von dpa) / (hag)

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