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Kingdom Come – Deliverance angespielt: Öder Mittelaltertrip

Das war wohl nichts. Das vieldiskutierte Mittelalter-Rollenspiel Kingdom Come: Deliverance entpuppt sich nach den ersten Spielstunden als Mix aus unausgegorenen Ideen und schlechter Technik.

Kingdom Come - Deliverance angespielt: Öder Mittelaltertrip

(Bild: heise online)

Statt Magie und fiesen Monstern setzt das Rollenspiel Kingdom Come Deliverance auf Realismus. Für die Spieler wird die angeblich authentische Reise ins Mittelalter zu einer Geduldsprobe. Die Handlung spielt in Böhmen, Anfang des 15. Jahrhunderts. Der junge Schmied Heinrich muss mit ansehen, wie seine Eltern bei einem brutalen Söldnerangriff niedergemetzelt werden. Er schwört Rache und schließt sich einem Fürsten an, der Heinrich mitten in einen Bürgerkrieg führt, der die Zukunft seines Landes entscheiden wird.

Diese Ausgangslage ist spannend. Zwar haben die Spieler schon oft die Geschichte vom naiven Jüngling erlebt, der sich zum Retter aufschwingt, aber das historisch angehauchte Hintergrundszenario lässt auf ein spannendes, episches Abenteuer hoffen. Davon ist aber in den ersten rund 25 Stunden Spielzeit kaum etwas zu spüren. Statt epische Schlachten zu schlagen, hangelt sich unser Held von einer Fleißaufgabe zur nächsten.

Da gilt es eine Stadt zu patrouillieren und ein paar Minuten hinter einer Wache her zu traben, ein paar Freunden bei der Jobsuche zu helfen oder der Burgherrin für eine Hochzeit Geschenke zu machen. Der große Bürgerkrieg kommt nur langsam in Schwung, wenn sich Heinrich etwa auf die lange Suche nach einem Mörder macht und am Ende ein Nest mit Aufständischen aushebt.

Das Nahkampfsystem bietet mit unterschiedlichen Trefferzonen oder zahlreichen Schlag- und Blockvarianten eine gute Basis für herausfordernde Duelle. In der Praxis verpuffen diese Vorteile an der ungenauen und schwammigen Steuerung. Ein Duell Mann gegen Mann bietet noch die besten Chancen auf einen Sieg, aber sobald sich Heinrich mit mehreren Gegnern anlegt, wird es unübersichtlich. In größeren Schlachten enden die Nahkämpfe in einer chaotischen Prügelei.

Viele Quests können mit Worten gelöst werden. Ähnlich wie in Mass Effect bieten sich dem Spieler immer mehrere Antwortmöglichkeiten, die meist einer bestimmten Fähigkeit zugeordnet sind. Die jeweiligen Werte der Gesprächspartner werden gegeneinander ausgewürfelt und die höchste Zahl gewinnt. Für jede dieser Fähigkeiten gilt: Übung macht den Meister. Je mehr Gespräche der Spieler führt, je länger er rennt oder je öfter er sich prügelt, desto höher steigen die Werte in "Redegewandtheit", "Vitalität" oder "Stärke".

Unverständlich sind einige Spieldesignentscheidungen: Zwar gibt es eine Schnellreisefunktion, aber sie läuft quasi in Echtzeit ab. Bei längeren Reisen wird das zu einer minutenlangen Geduldsprobe. Ähnliches gilt für die Schlafenszeit, bei der man einen Uhrzeiger beobachten darf. Sehr ärgerlich ist die automatische Speicherfunktion, bei der nie deutlich wird, wann sie speichert – manchmal bei Beginn einer Quest, manchmal danach. Theoretisch speichert das Spiel auch, sobald der Spieler aus dem Bett steigt. Allerdings funktioniert auch das nicht mit allen Betten. Das Minispiel "Schlösserknacken" ist mit Maus und Tastatur kinderleicht, am Gamepad ein Glücksspiel.

Zu diesen Patzern gesellt sich die miserable Technik. Visuell hinkt das Spiel durch schlecht animierte Gesichter und zahlreiche Pop-Ups der Konkurrenz hinterher. Dazu kommen auf der PS4 lange Ladezeiten, mehrere Systemabstürze oder Questgeber, die einfach verschwinden und einen erfolgreichen Abschluss der Quest unmöglich machen. Die deutsche Synchronisation ist dagegen gelungen, auch wenn es zahlreiche Tonschwankungen gibt.

Technische Probleme in Kingdom Come: Deliverance

Die ersten 25 Stunden von Kingdom Come Deliverance machen wenig Lust auf mehr. Langatmige Fleißaufgaben, nervige Spieldesignentscheidungen und Bugs lassen kein Spielvergnügen aufkommen. Die zahlreichen guten Ansätze hätten wohl deutlich mehr Entwicklungszeit für den Feinschliff benötigt, die Entwickler und Publisher wohl nicht für nötig hielten. Der zahlende Kunde bekommt so ein spielerisch und technisch unausgereiftes Produkt vorgesetzt, das noch einen langen Weg bis zur Marktreife vor sich hat. Das ist schade, denn viele Spielansätze lassen auf ein ungewöhnliches Rollenspielabenteuer hoffen. Bis es aber soweit ist, müssen die Spieler noch viel Geduld aufbringen.

Kingdom Come: Deliverance (ab 42,90 €) ist am 13. Februar für PC, PS 4 und Xbox One erschienen und kostet zwischen 50 und 60 Euro. Für unser Angespielt haben wir 25 Stunden auf der PS4 gespielt. (Andreas Müller) / (dahe)

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