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Kinofilm Apollo 11: Bilder aus einer Zeit, als wir noch zu träumen wagten

Der Dokumentarfilm Apollo 11 ist ein atemberaubendes Zeugnis des menschlichen Entdeckergeistes. Ein Muss für Weltraum-Fans.

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16. Juli 1969, Edwin "Buzz" Aldrin schaut verschmitzt in die Kamera eines NASA-Dokumentarfilmers, kurz bevor er die 110 Meter hohe Saturn-V-Rakete Richtung Mond besteigt.

(Bild: Neon CNN Films)

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Achtung: Diese Rezension enthält Spoiler für die Mission der Apollo-11-Astronauten. Anscheinend war die Mondlandung wohl doch nicht gefaked.

Am 7. Juli, kurz vor dem 50. Geburtstag der Mondlandung, kommt mit Apollo 11 ein atemberaubender Dokumentarfilm in die deutschen Kinos. Der Zusammenschnitt aus Bild- und Tondokumenten der Mondmission von Armstrong, Aldrin und Collins ist inspirierend und traurig zugleich. Die Filmemacher geben einem das Gefühl, bei der historischen Mission hautnah dabei zu sein. Der Zuschauer wird Zeuge einer unvergleichlichen Epoche der Raumfahrt; man kann nicht anders, als bei jedem brenzligen Burn-Manöver mit der Besatzung des Apollo-11-Raumschiffes mitzufiebern. Am Ende bleibt ein Gefühl der Leere und die Frage: Sollten wir heute, fünfzig Jahre danach, nicht längst auf dem Mars gelandet sein? Was ist passiert? Ist das etwa schon alles gewesen?

Der Film besteht komplett aus Original-Dokumentaraufnahmen der historischen Mondmission, einige davon waren der Öffentlichkeit bisher nicht zugänglich. Als Erzähler fungieren die Ansagen der NASA Mission Control, des Crew-Funks CAPCOM und Live-Aufnahmen aus den zeitgenössischen Fernsehberichten des US-Fernsehen, allen voran die legendär gewordene Stimme von CBS-Moderator Walter Cronkite. Armstrong, und vor allem natürlich Aldrin, erzählen Witze und berichten aus erster Hand vom Anblick der Erde und des Mondes. Viele dieser Szenen sind bekannt, meine Generation kennt sie aus dem Schulunterricht, ältere Semester haben sie vielleicht damals live im Fernsehen verfolgt. Trotzdem ist der Zusammenschnitt auf Kinofilmlänge und der Anblick auf der großen Leinwand ein atemberaubendes Erlebnis. Interviews oder andere redaktionelle Elemente gibt es nicht – der Regisseur lässt allein die zeitgeschichtlichen Aufnahmen sprechen und formt daraus meisterhaft ein narratives Ganzes.

Apollo 11 - Filmtrailer (Quelle: Neon, CNN Films)

Für jemanden, der viel zu jung ist, um die Erlebnisse damals live mitverfolgt zu haben, ist dieser Film eine Erfahrung, die mich tief ins Herz trifft. Apollo 11 ist eine Wahnsinns-Mission. Die Idee, ein solches Unterfangen so gut wie unerprobt zu wagen, erscheint heutzutage fast unbegreiflich. Die Wucht der Beschleunigung der Saturn-Rakete ist eine Sache – ähnliches kennt man aus heutigen Live-Streams von ISS-Missionen zu genüge. Aber die irren Wendemanöver und die Slingshot-Manöver Richtung Mond, alles mit der Technik der '60er Jahre, auf die drei Astronauten hier ihr Leben wetten, erzeugen allerdings Gänsehaut. Nicht umsonst gibt es in der englischen Sprache seit dieser Zeit den Begriff "Moonshot" für einen aberwitzigen, unerprobten Plan. Man wird Zeuge einer Reise ins Ungewisse, die heutzutage ihresgleichen sucht.

Bildgewaltig zeigt Apollo 11 die schier titanischen Ausmaße der Saturn-V-Rakete auf dem Launchpad in Cape Canaveral. Beeindruckende Kamerafahrten geben die Ausmaße der labyrinthischen Computerbänke wieder, welche die Berechnungen für die waghalsigen Manöver des Raumschiffes stemmen. Allein die Anzahl des Kontrollpersonals im Launch-Control-Zentrums der NASA ist atemberaubend. In einem Roland-Emmerich-Film würde man diese Kulisse als schwer übertrieben einschätzen, hier ist es Realität. Außenaufnahmen zeigen Männer mit Brylcreem in den Haaren und gestylte Frauen, die Krispy-Kreme-Donuts essend auf ihren Cadillacs und Hippie-Bussen sitzen und dem Start der Rakete entgegenfiebern. Und über allem liegt die ruhige Stimme des Launch-Control-Countdowns und der CAPCOM-Sprecher, die minutiös jedes einzelne Bauteil der Rakete durchgehen und vom entsprechenden Techniker ein "Go for Launch" erwidert bekommen.

Hätte das Film-Material nicht den typischen Sepia-Ton der '60er, die Männer nicht alle Hornbrillen auf der Nase und säße hier nicht der ein oder andere Techniker Zigarre oder Pfeife rauchend vor seinem Monitor, so könnte man meinen, die Aufnahmen stammen aus der Gegenwart. Es ist überraschend, wie wenig Fortschritte die Technik seit 1969 anscheinend gemacht hat. Die Kameraaufnahmen, die Aldrin im Cockpit des Raumfahrzeugs macht, können sich durchaus auch heute noch sehen lassen.

Wer diesen Film sieht, sollte des Englischen einigermaßen mächtig sein, sonst wird er ob der zeitweise kratzigen Tonspur wenig von den Geschehnissen mitbekommen. Andererseits scheint es fast verwunderlich, wie gut die Kommunikation damals vom Mission-Control-Komplex in Houston, Texas zum Mond funktioniert hat. An einem Punkt fragt Aldrin den CAPCOM-Sprecher mal, ob dessen Boss ihn wenigstens einen Kaffee hat holen lassen, als Apollo 11 in Funkstille auf der der Erde abgewandten Seite des Mondes war. "Ah, er ist nicht so schlimm, wie alle sagen", antwortet CAPCOM. Ich kann mich nicht erinnern, wann ein Dokumentarfilm mich das letzte Mal zum Lachen gebracht hat. Apollo 11 hat es mehrmals geschafft.

Ich werde in der Nacht nach diesem Kino-Besuch wahrscheinlich von den Quindar-Tönen träumen – jenen charakteristischen Piep-Geräuschen, die jeden Funkspruch zwischen den NASA-Kontrollstationen und dem Apollo-11-Raumschiff begleiten und dazu dienten, den Relais-Stationen auf der Erde zu signalisieren, wann jemand auf dem Kanal einen Funkspruch absetzt.

Richtig gutes Drama ist immer noch dramatisch, wenn man den Ausgang der Geschichte kennt. In Zeiten von Game of Thrones und Marvel-Filmen gibt es derartiges Geschichtenerzählen nur noch selten zu sehen. Den Ausgang der Mond-Mission kennt jedes Kind. Trotzdem ist Apollo 11 alles andere als langweilig – ganz im Gegenteil.

Bisher habe ich nach keiner einzigen Film-Rezension den Entschluss gefasst, mir den gezeigten Film ein zweites Mal im Kino anzusehen. Bei Apollo 11 ist das anders. Die Qualität der gezeigten Aufnahmen, der großartige Soundtrack, die Einzigartigkeit des historischen Moments und das schiere Können, mit dem Regisseur Todd Douglas Miller das alles eigenhändig zusammengeschnitten hat, machen Lust auf mehr. Niemand, der sich auch nur annähernd für die Erforschung des Weltalls interessiert, kann sich dieses Meisterwerk entgehen lassen. Was die Peter-Jackson-Verfilmungen von Herr der Ringe für Fantasy-Fans sind, ist Apollo 11 für Weltraum-Nerds.

In eigener Sache:

(fab)