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Kirche im Netz: Zwischen religiöser FAQ und Hasskommentaren

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Der Papst twittert - und sonst? Wie stehen eigentlich die Religionen zum Internet, und wie verkaufen sie sich da? Wie gehen sie mit extremistischen Positionen um? Diesen Fragen ging der diesjährige Kongress des SUMA-EV für freien Wissenszugang nach, der gestern im hannöverschen Haus der Religionen stattfand.

Vielfach stehen die Betreiber kirchlicher Portale vor Fragen, vor denen auch andere Website-Betreiber stehen, wie Dr. David Hober, der das katholische Portal katholisch.de verantwortet, in der Podiums- und Plenumsdiskussion berichtete. So habe man kürzlich einen "Markenneuauftritt gestartet", die Inhalte des bisherigen Portals abgespeckt, fokussiert und um Video-Beiträge erweitert. katholisch.de wird von allen 27 Bistümern föderal betrieben, was schon mal dazu führen könne, dass sich "der ein oder andere" Bischof in die Berichterstattung einmischen will.

"Religionen Erleben" soll Kindern die sechs Weltreligionen erklären.

katholisch.de soll eine Art "Erklärportal" der katholischen Kirche werden, das Fragen im Zusammenhang mit Themen wie Taufe, Heirat oder Scheidung erläutert. Ein solche Funktion können auch islamische Websites übernehmen, so die Bloggerin Dr. Kathrin Klausing, denn junge Muslime hätten häufig den Kontakt verloren zu inner-muslimischer Kommunikation, weil viele klassische Medien eingestellt wurden, wo so etwas stattfand, etwa die Zeitschrift "Der Islam".

Die Betreiber der christlichen Sites experimentieren derzeit viel, welche Themen bei ihrer Zielgruppe gut ankommen. "Alles, was aus dem Vatikan kommt, wird geklickt wie blöde", meint Hober. Auf evangelisch.de dagegen laufe das Thema Gemeindepfarrer sehr gut, etwa der Schwerpunkt, wie schön ein Gemeindepfarrer sein darf, erklärt Hanno Terbuyken, der das Portal verantwortet. Es gibt offenbar viel zu tun. Erste Bistümer wie das in Essen stellen ihre klassische Kirchenzeitung ein, dafür muss, betont Hober, Ersatz her. Aber obwohl 75 Prozent der Katholiken online seien, würde nur ein Prozent der Katholiken auch katholische Sites besuchen.

Alle Religionen haben mit fundamentalistischen Strömungen zu kämpfen. Plattformen wie das islamophobe Politically Incorrect oder die zurzeit vom Netz gegangene radikale katholische Website kreuz.net genießen laut Terbuyken erst einmal mehr mediale Aufmerksamkeit als gemäßigtere Sites. Und Menschen mit radikalen Ansichten versuchen ihre Positionen auch immer auf gemäßigteren Plattformen anzubringen, etwa im Forum.

Klausing musste immer wieder Kommentare blockieren, sie erhielt übelste Schmähungen bis zu Morddrohungen. Bei strittigen Themen lässt evangelisch.de erst gar keine Forenbeiträge zu. katholisch.de hat derzeit gar keine Kommentarfunktion. Mitunter reichen Sperrungen nicht. Es war kein Zufall, dass mit Christian-Oliver Moser ein Jurist für den Zentralrat der Juden auf dem Podium saß. Sein Job ist es, dem Antisemitismus an den "strategisch wichtigen Stellen" Einhalt zu gebieten – machmal auch auf juristischem Weg. Aufgrund der Anonymität im Internet und der unklaren Rechtslage sei es aber oft unmöglich, juristisch das Verbreiten von antisemitischen Botschaften zu unterbinden [Update: Hier stand ursprünglich "durchzusetzen"].

Für ein wenig mehr Verständnis zwischen den Religionen sorgen soll die Site Religionen-Entdecken. Das noch nicht ganz fertige Angebot richtet sich in erster Linie an Kinder, die dort altersgerecht und auf die verschiedenste Weise über die sechs Weltreligionen informiert werden sollen. Religionen-Entdecken ist der diesjährige Preisträger des SUMA Award. Den Preis vergibt der Verein SUMA-EV an herausragende Projekte, die im digitalen Zeitalter zukunftsweisend mit Wissen und Informationen umgehen. (jo)

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