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Kittler und Deleuze erobern das Handy

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Der Berliner Merve-Verlag hat am heutigen Mittwoch auf der Buchmesse in Frankfurt ein Mobil-Angebot gestartet und nach eigenen Angaben damit als erster das Zeitalter des "Handy-Buchs" eröffnet. Philosophisch angehauchte und lesefreudige Zeitgenossen, die mit einem Java-fähigen Mobiltelefon jüngeren Datums ausgestattet sind, können sich damit ab sofort zunächst sechs ausgewählte Titel direkt per GPRS oder HSCSD auf ihre täglichen Begleiter herunterladen. Zur Auswahl stehen unter anderem moderne Klassiker von Friedrich Kittler, Paul Virilio, Dirk Baecker, Gilles Deleuze oder Rainald Goetz. Sie können über die T-Pay-Plattform der Deutschen Telekom für drei Euro heruntergeladen werden. Funktionen wie rasches Blättern und das Setzen von Lesezeichen sollen den intellektuellen Genuss unterwegs erhöhen.

"Merve steht mit seinem Verlagsprogramm für Medientheorie und mobile Kommunikation und ist für Experimente, die medienübergreifend mit den Grenzen der Gutenbergwelt spielen, immer aufgeschlossen", begründet Verlagsgeschäftsführer Tom Lamberty den Schritt auf neues Terrain. Er sieht in dem Angebot "eine ideale Ergänzung für unser Print-Programm". Frank Wulf, Geschäftführer der mit der Umsetzung von Merve.mobil betrauten Berliner Multimedia-Agentur cosmoblonde, will mit den Handy-Büchern gar "unsere Antwort auf den polyphonen Klingelton" geben. Das Mobiltelefon steht seiner Ansicht nach durch die Überflutung mit Gebimmel und Games "momentan intellektuell etwas verwaist da", obwohl es eigentlich ein "tolles Universalwerkzeug" sei. Für die inhaltliche Aufwertung des Gerätes sei der Ansatz mit dem Merve-Verlag als Partner dank dessen "kleiner und feiner Leser-Zielgruppe" ein guter Beginn.

Cosmoblonde hat die Download-Lösung selbst entwickelt und angesichts des Merve-Publikums auf den Einsatz eines Systems zum digitalen Rechtemanagement (DRM) verzichtet. Es gebe "keine Verschlüsselung" und "keinen wirklichen Kopierschutz", erklärte Wulf gegenüber heise online. Die Texte selbst seien schließlich auch schon in Online-Tauschbörsen aufgetaucht, sodass sie jeder, der sie unbedingt etwa fürs Studium brauche und keine Rechtsbedenken hätte, an sich auch so kopieren könne. Wulf setzt aber darauf, dass der Mehraufwand für die Entwicklung der Handy-Versionen den künftigen Lesern den einen oder anderen Euro wert ist. Die Agentur hat die ausgewählten kurzen Titel auf rund 300 Seiten für die Kleinbildschirme heruntergebrochen und in rund 40 bis 50 Kilobyte schwere Dateien verwandelt. Das Ganze habe "noch etwas experimentellen Charakter", sagt Wulf. Man habe aber das einwandfreie Laufen auf allen gängigen Handy-Modellen mit Java   MIDP 2.0 getestet.

Ein paralleler Download der Mobiltelefon-Bücher auf PCs ist nicht vorgesehen. Eine Nutzung auf Desktop oder Laptop ist zwar laut Wulf über ein Backup vom Handy und den Einsatz einer Emulatorsoftware letztlich möglich. "Wir wollen mit dem Mobil-Format aber eigentlich die Ebene der E-Books für den PC direkt überspringen, auf der Microsoft und Adobe ja auch schon die Standard-Reader vorgeben", erläutert der cosmoblonde-Chef. Eine Überlegung bei dem Merve-Angebot sei in diesem Zusammenhang auch gewesen, dass die traditionellen elektronischen Bücher dem Nutzer zu viele Riegel vorschöben. Für traditionellere Verlage müsste man aber überlegen, zumindest die Weitergabe der Dateien an andere Mobilgeräte technisch zusätzlich zu blockieren. Merve.mobil soll in Zukunft ausgebaut werden, wobei der Verlag und cosmoblonde gerade nach passenden Büchern suchen. Laut Wulf soll dabei auch die elektromobile Wiederbelebung von Titeln in Betracht gezogen werden, die in der Druckvariante vergriffen sind. (Stefan Krempl) / (jk)

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