Kleidung aus künstlicher Spinnenseide

Seit Jahrzehnten versuchen Forscher, künstliche Spinnenseide herzustellen. Nun gibt es erste Fortschritte.

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Kleidung aus künstlicher Spinnenseide
Von
  • Katherine Bourzac, Veronika Szentpetery

Spinnenseide ist nicht nur zugfester als Stahl, sondern weist auch besondere Eigenschaften auf, die mit synthetischen Fasern wie Kevlar für kugelsichere Westen oder Polyester auf der Basis von Erdöl für normale Kleidung nicht zu haben sind. Auch Dan Widmaier, David Breslauer und Ethan Mirsky beschäftigen sich seit 2007 mit diesem Problem. 2010 gründeten sie das Start-up Bolt Threads, das nach eigenen Angaben eine Methode für die Massenherstellung von spinnbaren Fasern aus künstlicher Seide gefunden hat: Mit genetisch veränderter Hefe erzeugen sie Seidenproteine im Tonnenmaßstab, die sich zu Fasern spinnen lassen, berichtet Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe (Technology Review 11/2015 bestellen).

Dafür pflanzten sie den Hefezellen DNA-Stücke ein, die auf Spinnengenen basieren. Sie sind so abgewandelt, dass die Eigenschaften der resultierenden Proteine besser an den späteren Einsatz in Kleidung angepasst sind. Nach der Herstellung liegen die Proteine in einer wässrigen Lösung vor, die durch winzige Extrusionslöcher gepresst wird. Zum Schluss kommen sie in ein Spezialbad, in dem sie sich zu festen Fasern zusammenlagern. Deren Eigenschaften lassen sich über Veränderungen der Proteinkonzentration sowie von Temperatur, Spannung und anderen Parametern des Spinnprozesses unterschiedlich steuern.

Die Kunstseide lässt sich damit für unterschiedlichste Anwendungen anpassen. Auch die Spinnen selbst machen das: Je nachdem, ob sie stabile Streben für ihre Netze, klebrige Stellen für das Festhalten von Beute oder einen festen Faden für sich selbst brauchen, produzieren sie leicht unterschiedliche Seidenvarianten. Synthetische Fasern auf Erdölbasis hingegen sind meist nur für einen Zweck gut geeignet.

Nach Angaben des Unternehmens sollen die ersten Produkte bereits 2016 in Kleidung zu finden sein. Die Fasern sind viel feiner als natürliche Stoffe wie Baumwolle und stabiler als Nylon, was Kleidung mit den besten Eigenschaften von natürlichen wie künstlichen Fasern ermöglichen könnte: Sie wäre weich und leicht, gleichzeitig aber robust genug für viele Waschgänge. Sie soll sich auch wasserfest designen lassen. Genaueres will das Unternehmen nicht verraten.

Auch anderen Unternehmen ist es gelungen, Kunstseide herzustellen. 2012 meldete das deutsche Unternehmen AMSilk, es könne den begehrten Naturstoff in industriellen Mengen wirtschaftlich herstellen. Die Produktion übernehmen gentechnisch veränderte Bakterien. Seidenfasern hat AMSilk aber noch nicht im Angebot. Aus der produzierten Seide stellt es etwa Biopolymere für Kosmetikprodukte her, die als Gelfilm die Haut vor Mikroben und Verschmutzung schützen. Geplant sind auch Beschichtungen, etwa für Brustimplantate, um Entzündungen und die Bildung von Narben zu reduzieren. Es seien auch Fasern in der Entwicklung, "die potenziell für Bekleidung geeignet wären", sagt Lin Römer, Co-Geschäftsführer von AMSilk. (bsc)