Menü

Kleinfeld wirft bei Siemens das Handtuch

vorlesen Drucken Kommentare lesen 174 Beiträge

Es war wohl eine der Aufsichtsratssitzungen eines deutschen Konzerns, die mit allergrößter Spannung erwartet wurden: Der Siemens-Aufsichtsrat sollte nicht nur Gerhard Cromme als Nachfolger des zurückgetretenen Heinrich von Pierer zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden wählen, sondern auch über die Verlängerung des Vertrags von Klaus Kleinfeld und seine Zukunft als Siemens-Chef entscheiden. Nun ist Klaus Kleinfeld dem zuvorgekommen. Er teilte dem Aufsichtsrat mit, dass er für die anstehende Vertragsverlängerung nicht mehr zur Verfügung stehe. Kleinfeld wird das Unternehmen spätestens im Herbst verlassen. Im Konzern gehe man davon aus, dass der Vorstandsvorsitzende seinen bis 30. September 2007 laufenden Vertrag noch erfüllen werde, schreibt die Süddeutsche Zeitung, über einen Nachfolger sei noch nicht entschieden worden.

Kleinfeld begründete seinen Entschluss mit den laufenden Diskussionen über die Verlängerung seines Vertrages und eine mögliche Verschiebung, teilte Siemens am frühen Mittwochabend mit. "In diesen Zeiten braucht das Unternehmen Klarheit über seine Führung. Daher habe ich mich entschlossen, für die Verlängerung meines Vertrags nicht mehr zur Verfügung zu stehen", sagte Kleinfeld laut der Mitteilung. Zwar habe Siemens "große wirtschaftliche Erfolge" vorzuweisen, befinde sich aber gleichzeitig "inmitten tiefgreifender Korruptionsermittlungen". Gerade in Zeiten solcher Herausforderungen sei in der Belegschaft, bei Kunden und auf dem Kapitalmarkt deutliche Führung mehr denn je gefragt, erklärte Kleinfeld seinen Schritt. Gerhard Cromme dankte Kleinfeld im Namen des Aufsichtsrats und des gesamten Unternehmens für seine "entschlossene und erfolgreiche Führung" von in den vergangenen zwei Jahren.

Im Vorfeld der Sitzung hatte es, nachdem der Rücktritt von Pierers zuerst als Stärkung Kleinfelds angesehen worden war, heftige Spekulationen über einen Rausschmiss, eine Vertragsverlängerung unter verschärften Bedingungen oder einen Rücktritt Kleinfelds gegeben. Zuletzt hatte es noch heute im Laufe des Tages aus Konzern- und Aufsichtsratskreisen geheißen, Kleinfeld könne nicht mehr mit einer Verlängerung des Vertrags, der im September 2007 ausläuft, rechnen: Es gebe nach den vielen Affären den Wunsch nach einem Neuanfang mit neuen Leuten an der Spitze des Konzerns, berichtete beispielsweise die Süddeutsche Zeitung.

In den Tagen zuvor war Kleinfeld bereits zunehmend unter Druck geraten, sein Stuhl wackelte immer stärker. Die Gefahr erst spät erkannter Verstrickungen in die Korruptionsaffäre sei zu groß, hieß es beispielsweise. Auch wurde es für möglich gehalten, dass Kleinfelds Vertrag nur um ein, zwei oder drei Jahre verlängert werde – dann aber mit der Bedingung, dass er keine Abfindung bekomme, falls er wegen einer Verstrickung in eine Korruptionsaffäre seinen Posten vorzeitig verlassen müsste.

Siemens: Deutschlands größter Elektrokonzern

Der derzeit von Skandalen geschüttelte Siemens-Konzern ist mit 162.000 Beschäftigten in Deutschland einer der größten Arbeitgeber. Weltweit zählt der Konzern mit mehr als 87 Milliarden Euro Umsatz zuletzt insgesamt 475.000 Mitarbeiter. Die Produktpalette des Konzerns reicht von der Glühbirne bis zur Dampfturbine.

Das Unternehmen kann auf eine stolze Geschichte zurückblicken. Die Anfänge reichen bis ins Jahr 1847 zurück, als der Erfinder Werner von Siemens und sein Kompagnon Johann Georg Halske in einer Berliner Hinterhofwerkstatt die Fertigung von Zeigertelegraphen begannen und damit den Grundstein für den Weltkonzern legten. Die heutige börsennotierte Siemens AG wurde im Jahr 1966 gegründet.

In das Zeitalter der Globalisierung hatte Heinrich von Pierer das Unternehmen geführt, der in der vergangenen Woche als Aufsichtsratschef zurücktrat. Vor seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender galt Siemens lange als "verschlafener Riese mit hoher Liquidität" oder auch als "Bank mit angeschlossener Elektroabteilung". Pierer leitete mit seinem berühmten Zehn-Punkte-Programm einen massiven Umbau ein, in dem unter anderem das Geschäft mit Bauelementen (Epcos) und mit Halbleitern (Infineon) abgespalten und an die Börse  gebracht wurden.

Pierers Nachfolger Klaus Kleinfeld setzte den radikalen Umbau fort. Kleinfeld setzt vor allem darauf, dass Siemens von so genannten Megatrends wie Wasser- und Energieknappheit, Alterung der Gesellschaft und Urbanisierung profitiert. Damit tritt Siemens zunehmend stärker als Anlagenbauer und Anbieter von Infrastrukturprojekten an. Zum Konzern gehören neben dem Geschäft mit Lösungen für die Industrie- und Gebäudeautomatisierung sowie Infrastrukturanlagen auch der Energie- und der Verkehrstechnikbereich, die Medizintechnik, das Licht-Geschäft mit dem Traditionskonzern Osram und die Informations- und Kommunikationstechnologie.

In zwei Jahren hat Kleinfeld Siemens neu geformt

Klaus Kleinfeld (49) hat sich aus einfachen Verhältnissen zu einem der wichtigsten Manager Deutschlands hochgearbeitet. Seit seinem Antritt als Siemens-Chef Anfang 2005 hat er den Siemens-Konzern neu geformt. dpa dokumentierte den Weg von Kleinfeld als Siemens-Chef:

27. Januar 2005: Kleinfeld wird als Nachfolger von Heinrich von Pierer zum Vorstandsvorsitzenden von Siemens ernannt.

28. Januar 2005: Nur einen Tag nach seinem Amtsantritt muss Kleinfeld Pläne für einen Abbau von 1350 Stellen im größten Bereich Communications verkünden.

28. Juli 2005: Kleinfeld gelingt bei der geplanten Trennung vom verlustreichen Handy-Geschäft der Durchbruch: Die Aktionäre von BenQ stimmen auf einer außerordentlichen Hauptversammlung für den Kauf.

19. September 2005: Kleinfeld gibt ein radikales Sparprogramm für die Krisensparten SBS und die Com-Sparte bekannt. Dadurch sollen insgesamt rund 10 000 Arbeitsplätze wegfallen.

22. März 2006: Der neue Vorstandschef stärkt seine Position durch eine Neuordnung der Führung. Mehrere Spitzenposten werden mit Vertrauten Kleinfelds neu besetzt.

19. Juni 2006: Der Siemens-Konzern verabschiedet sich durch einen Milliarden-Deal mit dem Konkurrenten Nokia von seinen Wurzeln. Die traditionsreiche Telekommunikations-Sparte soll mit dem Netzgeschäft von Nokia zusammengelegt werden.

16. September 2006: Nach der Ankündigung von Gehaltserhöhungen von 30 Prozent für die Siemens-Vorstände gerät Kleinfeld unter Druck. "Deutschlands frechste Gehaltserhöhung" titelt die Bild-Zeitung mit einem großen Foto Kleinfelds daneben.

28. September 2006: Der taiwanische BenQ-Konzern stoppt die Zahlungen an seine deutsche Tochter mit 3000 Mitarbeitern und schickt die einstige Siemens-Handy-Sparte damit in die Pleite. Arbeitnehmervertreter machen Kleinfeld für den Zusammenbruch verantwortlich.

15. November 2006: In einer groß angelegten Razzia durchsuchen rund 200 Polizeibeamte, Staatsanwälte und Steuerfahnder Büros im Siemens- Konzern und bringen damit die Siemens-Schmiergeldaffäre ans Licht.

23. November 2006: Kleinfeld kündigt eine schonungslose Aufklärung der Schmiergeldaffäre an.

12. Dezember 2006: Mit der Verhaftung des früheren Leiters der Kommunikationssparte, Ex-Zentralvorstand Thomas Ganswindt, erreicht die Affäre neue Dimensionen. Siemens räumt dubiose Zahlungen von rund 400 Millionen Euro ein.

27. März 2007: Nach einer Durchsuchungsaktion durch die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth wird Siemens-Vorstandsmitglied Johannes Feldmayer verhaftet und damit erstmals ein aktiver Zentralvorstand.

19. April 2007: Siemens-Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer stürzt über die Schmiergeldaffäre und erklärt seinen Rücktritt. Kleinfelds Position erscheint dadurch gestärkt.

24. April 2007: Maßgebliche Aufsichtsräte sperren sich gegen die geplante Verlängerung von Kleinfelds Vertrag. Der Vorstandsvorsitzende wird dadurch schwer geschädigt. (dpa) / (jk/c't) / (vbr)