Klimaschutz: Nachhaltigkeitsforscher plädiert für "digitale Mäßigung"

Die Digitalbranche darf sich nicht damit begnügen, Rechenzentren mit grünem Strom zu betreiben, wurde bei einer Diskussion zur Nachhaltigkeit gefordert.

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(Bild: Liv Oeian / shutterstock.com)

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"Die Digitalisierung könnte sich zu einer Effizienzmaschine ersten Ranges entwickeln", prognostizierte Tilman Santarius, Professor für Sozial-Ökologische Transformation an der TU Berlin, am Donnerstag bei einer Diskussion über die Frage "Digital in die Klimakatastrophe?" im Telefónica-Debattenraum Basecamp in Berlin. Streaming etwa spare Material gegenüber der Videothek, zudem könnten Datentechnologien für eine optimierte Logistik und konstantere Verkehrsflüsse sorgen. Die Sache habe nur einen Haken: "Es kann zu Rebound-Effekten kommen."

Der Nachhaltigkeitsforscher spielte damit auf eine erhöhte Nachfrage nach neuen digitalen Diensten und Geräten an, die Einsparungen wieder auffresse. Er warb daher für "digitale Mäßigung" und "Digital Detox". Wichtig sei es, auf den absoluten Energieverbrauch der Informations- und Kommunikationstechnologien zu schauen. Internetfirmen mahnte er, nicht nur "Shopping und Konsum in die Höhe zu treiben durch personalisierte Werbung". Sie müssten auf den Einkauf von grünen Strom umstellen, was allein aber nicht reiche. Wenn etwa ein Rechenzentrum für Bitcoin in China mit grüner Energie betrieben werde, fehle diese bei anderen, für die Gesellschaft wichtigeren Anwendungen.

"Der Stromverbrauch muss sinken", in Deutschland halbiert werden, betonte Santarius daher. Sonst sei die Nachfrage nicht zu 100 Prozent durch erneuerbare Energien zu decken. Politik und Wirtschaft müssten die Rahmenbedingungen für nachhaltigen Konsum stärken, also etwa Geräte wie Smartphones langlebiger machen und "softwarebedingte Obsoleszenzen" verhindern. Der Wissenschaftler bedauerte daher etwa, dass ein Großteil der Fördergelder für Künstliche Intelligenz (KI) in Projekte flössen, "die mit Nachhaltigkeit nichts zu tun haben". Eigentlich müssten hier alle die CO2-Reduzierung im Programm haben.

Derzeit gingen bis zu vier Prozent der CO2-Ausstöße auf die Digitalisierung zurück, berichtete der Chef von Telefónica Deutschland, Markus Haas. 5G sei beim Datentransport aber "bis zu 90 Prozent energieeffizienter pro Gigabyte" als aktuelle Standards. Die neue Mobilfunkgeneration bezeichnete er auch als Basis für mehr Klimaschutz in vielen Sektoren: "Ohne Sensoren, ohne absolute Vernetzung werden wir die Klimaziele in diesem Land nicht erreichen." Es müsse aber transparent sein, was die Anwender mit Datenabrufen an CO2 produzierten. Anhand einer Rechnung wie "eine Stunde Streaming verbraucht so viel wie vier Stunden Elektroauto fahren" könne sich jeder überlegen, "wie er das privat nutzen will".

"Wenn man Grünstrom nutzt, muss man Streaming nicht total verteufeln", meinte Pauline Brünger von Fridays for Future. Die Digitalisierung könne an vielen Stellen helfen. "Wir waren ein Jahr an den Handys, wir haben uns vernetzt", veranschaulichte das Kölner Gesicht der Bewegung. "Wir haben aber hoffentlich auch eine relativ positive Klimabilanz mit unseren Aktionen bewirkt." Jeder Einzelne müsse wissen, was es bedeute, wenn er digital konsumiere. Es gebe aber größere Hebel für den Klimaschutz als persönliche Verbraucherentscheidungen.

Sprachlos mache es sie, unterstrich Brünger, wenn die Bundesregierung ihre einschlägigen Ziele für 2020 voraussichtlich nicht einhalten könne, obwohl selbst damit die Erderwärmung nicht einmal im Einklang mit dem Pariser Abkommen auf 1,5 Grad beschränkt würde. Unfassbar sei es auch, dass Politik und Wirtschaft keine Verantwortung für ihre Taten übernähmen und Siemens etwa einen Zuliefervertrag für eine Kohlemine in Australien abschließe, in der bis 2080 gefördert werden solle.

2018 habe die Treibhausgasemission in Deutschland 35 Prozent unter der von 1990 gelegen, konstatierte Rita Schwarzelühr-Sutter, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium. Damit komme die Republik "in die Nähe" der bis 2020 anvisierten 40 Prozent. Ausschlaggebend ist es laut der SPD-Politikerin, dass es gelingt, die Wertschöpfung hierzulande auch unter ökologischen Vorzeichen zu erhalten.

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Bei Kohlekraftwerken lasse sich nicht einfach der Stecker ziehen, da diese Genehmigungen erhalten hätten und eine "rechtssichere Lösung" gefunden werden müsse. 2038 sei aber Schluss, bis dahin müssten alte Meiler abgestellt werden. Sie sei zudem dafür, beim Import etwa von Handys oder Stahl, die nicht standardgemäß produziert worden seien, an der Grenze beim Zoll einen CO2-Preis aufzuschlagen und so einen Ausgleich herbeizuführen. (axk)